Einige Mitglieder des SED-Politbüros sehen sich nach der Reise Ulbrichts zu Chruschtschow in einer ungemütlichen Lage. Vorher noch dachten sie, wie stets, treue Streiter an der Seite Ulbrichts gegen jede Aufweichung zu sein. Nun mahnte sie der gleiche Ulbricht in sanfter Form: Man dürfe doch „die Lage nicht dogmatisch betrachten“.

Eine entsprechende Brille hat Nikita Chruschtschow dem SED-Chef beim Wochenendgespräch in Moskau verpaßt. Was Botschafter Abrasimow Ulbricht schon zu Weihnachten ins Riesengebirge übermittelte, wurde nun noch deutlicher: Die Sowjetunion ist entschlossen, durch weitere, möglichst nicht allzu kostenreiche Gesten in Deutschland dem Westen zu beweisen, daß sie Entspannung ernstlich wünscht.

Das Berliner Passierscheinabkommen, dessen Schattenseiten für die SED Ulbricht nicht verschwieg, hält Chruschtschow in diesem Sinne dennoch für einen Gewinn. Er empfahl Ulbricht, den etablierten Draht nach Westberlin (Korber/Wendt) auf keinen Fall abreißen zu lassen, auch wenn das – wie es in der vergangenen Woche einen Augenblick lang aussah – gewisse Peinlichkeiten mit sich bringt. Selbst ein Minimum von Ost-West-Personenverkehr wäre der Sowjetunion in Berlin lieb. Ulbricht soll versuchen, dafür gewisse Erleichterungen für den Auslandsreiseverkehr der DDR einzuhandeln, also Lockerungen in der überspitzten Praxis des alliierten Travel Board in Westberlin.

Angesichts des chinesischen Druckes verstärkt sich sein Wunsch, mit dem Westen zum Burgfrieden zu kommen. Er weiß, daß für den Westen, zumal für Amerika, die Deutschlandfrage wieder an Bedeutung gewonnen hat. Deshalb ist ihm der Berliner Versuch, den Knoten zu entzerren, so wichtig. Schon die nächste Plenarsitzung des sowjetischen Zentralkomitees im Februar, bei der es natürlich nicht nur um Landwirtschaft gehen wird, sollen neuen Schritten in dieser Richtung den Weg ebnen. J. St.