Von Walter Widmer

Am „Tristram Shandy“ scheiden sich die Geister. Man liest ihn fünfmal, zehnmal, vielleicht noch öfter, oder aber man kommt über die ersten hundert Seiten nicht hinweg. Wie sagt Lichtenberg? „Es hat die Wirkung, die gemeiniglich gute Bücher haben. Es macht die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger und die übrigen Tausende bleiben ungeändert.“

Seit seinem Erscheinen – der erste Band kam 1759 heraus, der neunte erst 1767 – hat dieses wunderliche Buch immer wieder die besten Geister in seinen Bann gezogen. Wieland, Lessing, Goethe, Jean Paul und Lichtenberg waren seine Wegbereiter in Deutschland; in Frankreich waren es Voltaire und vor allem Diderot. Den „zweiten Rabelais von England“ nannte Voltaire Laurence Sterne und verglich ihn (mit Rabelais’ eigenen Worten in der Vorrede zum „Gargantua“) mit den kleinen Satyrn des Altertums, die köstliche Essenzen enthielten. Diderot bewunderte ihn ebenfalls als den Rabelais des Anglais und entlieh dem „Tristram Shandy“ ganze Passagen, die er seinem Meisterwerk „Jacques le Fataliste“ einverleibte. Als den „freiesten Geist seines Jahrhunderts“ rühmte ihn Goethe (ein bißchen zu emphatisch und wohl auch sachlich anfechtbar), und Nietzsche hat im zweiten Band von „Menschliches, Allzumenschliches“ (Aphorismus 113) über Sterne und seine Werke mit ansteckender Begeisterung und Verve einige seiner schönsten, einsichtigsten Aperçus geschrieben.

In seiner Heimat dagegen fand er wütende Befehder – nicht etwa Hinz und Kunz, nein, große Männer und Schriftsteller wie Samuel Johnson und Thackeray lehnten seine Bücher mit vehementem Mißfallen ab. Galt dieser Abscheu dem Werk oder dem Mann? Vermutlich beiden: Sterne stand im Ruf eines unmoralischen Autors – und Menschen. Sein Privatleben er war immerhin Geistlicher – war keineswegs vorbildlich. Obwohl verheiratet, liebelte und flirtete er in der näheren und weiteren Umgebung herum. Sein Hauptvergnügen war die Jagd, seine literarischen Lieblinge und Meister waren Rabelais, Montaigne und Cervantes. Auch malte und musizierte er viel. Sein geistliches Amt kam entschieden zu kurz.

Sternes Familie stammte ursprünglich aus England. Sein Urgroßvater war Erzbischof in York, in dessen Sprengel Sternes Pfarrei Stillington lag. Sein Vater war Offizier, die Mutter entstammte einer Offiziersfamilie, und seine Kindheit verbrachte er in Garnisonsstädten und Festungen Irlands und Flanderns. Er war denn auch durch und durch Ire geworden, dem Temperament nach wie in seiner Geistesanlage. Irisch ist nicht nur sein Witz, nicht nur sein Humor – doch das trifft nicht das Eigentliche. Rudolf Kassner sieht das Irische Sternes in der „Luft der Irrealität über dem Ganzen“, in der „Verbindung eines Geringen an Materie und Motiv mit einem Bedeutenden an Sinn“, in der „neuen Einheit von Poesie und Humor“. Daß nüchterne, pragmatische Engländer diese Kombination ihnen so wesensfremder Eigenschaften nicht verstehen und (darum) nicht leiden konnten, ist verständlich.

Hinzu kommt das, was man seine „Unmoral“ nannte, die vielen Zweideutigkeiten und Laszivitäten, alle die raffiniert ausgesparten oder durch Sternchen angedeuteten Anzüglichkeiten, die er in seinem Roman verstreut hat. Mucker, die ja meist eine besonders unsaubere Phantasie besitzen, entrüsten sich darüber mit dem Recht des um eine saftige Zote Geprellten. Nie wird Sterne direkt, nie läßt er sich bei einer handfesten, eindeutigen Ferkelei ertappen, von denen es bei seinem Ahnvater Rabelais wimmelt.

„Das Leben und die Meinungen des Tristram Shandy“ ist dieses seltsame, bezaubernde Buch betitelt. Wer jedoch eine Biographie des Titelhelden erwartet, wird auf eine unvergleichlich verwirrende und zugleich hinreißende Art enttäuscht. Wahr ist, daß der Roman mit der skurrilen Zeugung seines „Helden“ beginnt, am Schluß des Buchs aber ist Tristram erst fünf, Jahre alt. In diesen neun Büchern geschieht ungeheuer viel und doch nichts. Wir lernen ein rundes Dutzend Originale kennen, erfahren, was sie zusammen reden und treiben, nichts Weltbewegendes, Erderschütterndes, es geht um Alltägliches, um Steckenpferde, Hobbies, Idiosynkrasien, Lebensweisheiten und Schrullen aller Art. Eine eigentliche Handlung gibt es nicht, wohl aber einen roten Faden, der sich durch das Buch zieht: Liebe zu den Dingen dieser Welt und Verständnis für die Schwächen ihrer Bewohner, all dies aber entsentimentalisiert durch Sternes besonderen Humor, durch seine Einbildungskraft, die durch keine „Grundsätze“ eingeengt wurde, durch seine amoralische (nicht unmoralische) Haltung gegenüber dem Leben und den Mitmenschen.