Schon Delmer: Die Deutschen und ich. Nannen Verlag, Hamburg. 790 Seiten, kartoniert 19,– DM.

Das Buch von Sefton Delmer liegt jetzt in einer neuen und, gemessen am Umfang, billigen Ausgabe vor. Die reicher ausgestattete Originalausgabe kostet 38 Mark.

Auch weitere Kreise können jetzt nachlesen, wie einer der fähigsten Reporter unserer Zeit die Ereignisse sah und was er. selber dazu tat (Bild oben), die Ereignisse zu beeinflussen.

Kein Leser wird auf den Gedanken kommen, Delmer für einen Historiker zu halten. Dafür besitzt er nur Kenntnisse, sonst fehlt ihm alles: Sachlichkeit, Unbefangenheit, Abwägen, Gewissenhaftigkeit. Unter seinen Urteilen über deutsche Dinge in diesem Buche gibt es wenige, die nicht von vorn bis hinten falsch sind. Seine Darstellung etwa der Haltung der deutschen Generale ist angefertigt nach dem dümmsten Klischee wie es während des Krieges in Großbritannien und auch bei seinem Premierminister üblich war. wie es aber heute nur noch von jemandem verwandt werden kann, der sich weigert, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen.

Das fesselndste und abscheulichste Stück des ganzen Buches ist die Erzählung, wie Delmer während des Krieges den Soldatensender Atlantik – später Soldatensender Calais genannt – aufgebaut hat. Von den älteren unter den Lesern dieser Besprechung werden nur wenige ihn während des Krieges nicht gehört haben. Jüngeren muß man erst erklären, was damals geschehen ist: Delmer hatte die genial-verruchte Idee, Rundfunksendungen zu verbreiten, die sich so gaben, als wären sie von deutschen Soldaten, Patrioten, zum Teil überzeugten Nationalsozialisten, in Frankreich verfaßt worden.

Delmer ging darauf aus, Mißtrauen zu säen gegen die oberste Führung, indem er und seine Mitarbeiter sich so stellten, als seien sie Mitglieder einer nationalen, um den deutschen Sieg besorgten, die Engländer verachtenden deutschen Opposition. Er mischte deutschen Patriotismus, Pornographie, Klatschgeschichten mit oft bewußt falschen und oft bewußt richtigen Informationen. Sein System, sich richtige Nachrichten zu beschaffen, beruhte auf Intuition ebenso wie auf kühlerem Nachdenken; auf jeden Fall war es bewunderungswürdig. Er wußte, wieviel Tonnen ein U-Boot-Kommandant versenkt haben mußte, wenn er das Ritterkreuz oder die Brillanten bekam; er wußte auch – dafür sorgte schon das britische Marineministerium – wieviel Tonnen ein deutsches U-Boot versenkt hatte. So meldete der Soldatensender die Ordensverleihungen oft früher als das Oberkommando der Wehrmacht und stärkte so das Vertrauen in seine übrigen Berichte. Seinen Informationen (auch den falschen) glaubten auch viele Fachleute, nicht zuletzt Alliierte.

Um glaubwürdig zu wirken, bediente sich Delmer in seinen eigenen Kommentaren – denen des „Chefs“ – einer oft mehr als kräftigen Landser-Sprache. Er hoffte, damit echter zu klingen; ganz kann man doch den Verdacht nicht unterdrücken, daß unflätige Ausdrücke ihm selber gefallen haben. So beurteilte der den Flug von Heß nach England: „Dieser Fatzke ist bei weitem nicht der schlechteste. In den Tagen des Freikorps hat er seinen Mann gestanden. Aber er hat eben, genau wie diese ganze Clique von Pfuschern, Größenwahnsinnigen, Drahtziehern und Salonbolschewisten, die an der Spitze unserer Regierung stehen, viel zu schwache Nerven, um die Krise durchzuhalten. Sowie er etwas von der dunkleren Seite der Entwicklungen erfährt, die uns bevorstehen, was macht er? Er verliert völlig den Kopf, packt ein paar Schachteln Hormonpillen und eine weiße Fahne in seine Mappe und fliegt auf und davon, um sich selbst und uns dazu diesem plattfüßigen Scheißkerl von einem besoffenen alten Juden, dem Churchill, auf Gnade und Ungnade auszuliefern. Und er denkt überhaupt nicht mehr daran, daß er Träger der wichtigsten Reichsgeheimnisse ist, die diese Scheißengländer jetzt ebenso leicht aus ihm herauslutschen werden, als ob er ’ne Flasche Berliner Weißbier wäre.“