Nach einer im vergangenen Jahr durchgeführten Erhebung zählt die Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Essen, – kurz RWE genannt – etwa 85 000 bis 90 000 Aktionäre; 1961 waren es nach offizieller Lesart noch 55 000. Diese Entwicklung, die durch die fleißigen Kapitalerhöhungen des finanzhungrigen Unternehmens unterstützt wurde, unterstreicht deutlich den Kurs, den das RWE ganz bewußt steuert: das inzwischen-zur kapitalstärksten Aktiengesellschaft der Bundesrepublik aufgerückte Unternehmen ist zugleich in immer stärkerem Maße Publikumsgesellschaft geworden. Nach wie vor kontrolliert zwar die öffentliche Hand – via Kommunen, in denen das RWE die Stromversorgung betreibt – einen wesentlichen Anteil des Kapitals (siehe Schaubild), aber der private Akzent dieses gemischtwirtschaftlichen Unternehmens verstärkt sich.

Zwangsläufig mußte der Essener Energiekonzern den Weg an die Börse einschlagen.. Denn der Kapitalhunger der stark expandierenden Gesellschaft war beispiellos, und die traditionellen Aktionäre, die Gemeinden und Landkreise, zur Kasse zu bitten, ist – wie die Erfahrungen anderer Versorgungsunternehmen zeigen – in der Regel nicht so überaus erfolgreich.

Ein Blick auf die Entwicklung im zurückliegenden Jahrzehnt zeigt indessen, daß das RWE als Wachstumsgesellschaft par excellence mit Kapitalerhöhungswünschen nicht gerade zurückhaltend war. Das jetzt auf 960 Millionen Mark festgesetzte Grundkapital war zuletzt im Jahre 1961 auf 795 und 1960 auf 575 Millionen erhöht worden.

Diese stürmische Entwicklung hat allerdings auch ganz wesentlich mit dazu beigetragen, die RWE-Aktien zu einem beliebten Anlagepapier zu machen. Die Möglichkeit, über stets recht günstige Bezugsrechte am Wachstum dieser Gesellschaft teilzunehmen, war in den zurückliegenden Jahren für die RWE-Aktionäre ganz sicher wertvoller als die eigentliche Rendite des Papiers. Das wird aller Voraussicht nach auch künftig noch so bleiben.

Vor Jahresfrist erklärte die RWE-Verwaltung, daß die damals durchgeführte Kapitalerhöhung nicht die letzte bleiben werde; diese Angaben wurden jetzt allerdings in der diesjährigen Pressekonferenz dahin ergänzt, daß das Unternehmen im laufenden und im nächsten Geschäftsjahr nicht daran denke, sein Kapital erneut aufzustocken.

Seinen nach wie vor hohen Kapitalbedarf wird das RWE vorerst im Wege der Fremdfinanzierung decken. Der Investitionsaufwand des Berichtsjahres, der bereits die stattliche Höhe von 606 Millionen DM erreicht hat, wird im Laufe des Jahres, wie in Essen erklärt wurde, nochmals um rund 100 Millionen heraufgesetzt werden. Auch damit hält der Essener Konzern voraussichtlich die Spitzenstellung unter den westdeutschen Aktiengesellschaften. Die Abschreibungen decken davon etwa die Hälfte, aber der Beleihungsspielraum, so hieß es in der Pressekonferenz, bietet noch vielfältige Möglichkeiten. Es darf also mit neuen Anleiheplänen beim RWE gerechnet werden. Die 100-Millionen-Anleihe war bereits im Herbst des vergangenen Jahres placiert worden.

Die vorläufige Pause in der Kapitalaufstockung rückt die Dividendenpolitik für die RWE-Aktionäre zwangsläufig wieder mehr in den Vordergrund des Interesses. Vor Jahresfrist hatte der Aufsichtsratvorsitzende, Dr. h. c. Hermann J. Abs. in der Hauptversammlung erklärt, die Verwaltung wolle wieder zu einer „Festdividende“ zurückkehren. Das ist mit dem für das Berichtsjahr vorgeschlagenen Ausschüttungssatz von 16 Prozent – nach jeweils 14 Prozent plus 2,5 Prozent Bonus in den beiden Vorjahren – geschehen. Hinsichtlich der weiteren Dividendenerwartungen – die sich möglicherweise an dem gewählten Ausdruck „Festdividende“ stoßen könnten – ist immerhin zu berücksichtigen, daß die jungen Aktien aus der vorjährigen Kapitalerhöhung im Berichtsjahr erst für vier Monate zu verzinsen waren. Das RWE muß also selbst bei gleicher Dividende im laufenden Jahr einiges mehr aufwenden und käme dann bei 16 Prozent auf das ganze Kapital auf den bisher höchsten absoluten Ausschüttungsbetrag aller westdeutscher Aktiengesellschaften.