Überraschung hat in der vergangenen Woche die Nachricht ausgelöst, die Regierung in Madrid wolle sich mit Moskau arrangieren. Der agile sowjetische Botschafter in Paris, Sergej Winogradow – so wurde berichtet – habe seinen spanischen Kollegen, dem Grafen von Motrico, bei einem Neujahrsempfang im Elysée-Palast zugeprostet: „Möge es in diesem Jahr zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen unseren Ländern kommen.“ Und der Graf aus Madrid, hieß es, trank ohne zu zögern sein Glas aus.

So ungewöhnlich dieser Vorfall auch jenen erscheinen mag, die den Generalissimus Franco lediglich als einen eingefleischten Kommunistenhasser kennen – unerwartet war dieser spektakuläre Toast nicht. Schon seit vielen Monaten pflegen die beiden Botschafter, hinter verschlossenen Türen, engen Kontakt. Unterbrochen wurden ihre Gespräche im letzten Jahr nur nach der Hinrichtung des Kommunisten Julian Grimau, der 25 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges auf Geheiß des Caudillo von einem Madrider Militärgericht zum Tode verurteilt worden war. Die Vollstreckung dieses höchst anfechtbaren Urteils hatte in Moskau Empörung ausgelöst. Die Verbitterung richtete sich vor allem gegen Franco selber, der es abgelehnt hatte, Gnade vor Recht – ein zweifelhaftes Recht obendrein – ergehen zu lassen.

Nun aber, so scheint es, hat sich im Kreml der Sturm der Entrüstung gelegt. Chruschtschow ist bereit,. Francos Politik „wohlwollender Neutralität“ zwischen den Machtblöcken zu honorieren. Daß Madrid sogleich das Testbann-Abkommin unterzeichnete, zum Ärger Washingtons die Kuba-Blockkade durchbrach (Spanien kauft Castros Zucker und will ihm Frachtschiffe liefern) und sich bei den Verhandlungen mit den Amerikanern über die Stützpunktverträge als halsstarriger Partner erweist – all das kommt den Sowjets nicht ungelegen.

Auch Franco freilich, dem selbst seine schärfsten Widersacher zubilligen, daß er ein „schlauer Fuchs“ ist, verfolgt mit seiner Annäherung Richtung Osten mehr als nur ein diplomatisches Ziel Er braucht für seinen großangelegten Vierjahresplan Geld. In den Tresoren der Moskauer Staatsbank liegen noch heute die Barren der spanischen Goldreserve, über 500 Tonnen, die kurz vor dem Ende des Bürgerkrieges von Republikanern in die Sowjetunion gebracht worden waren. Diesen Goldschatz nun – Wert etwa 2,4 Milliarden Mark – möchte. Madrid zurück haben, und sei es um den Preis der diplomatischen Anerkennung.

Am 1. Januar ist der Entwicklungsplan in Kraft getreten, mit dem Spanien innerhalb von vier Jahren an die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen Westeuropas „angeglichen“ werden soll. Für dieses Mammutvorhaben, das die Wirtschaft vom Staatsdirigismus befreien und der Privatinitiative einen breiten Raum geben soll, missen nach Schätzungen des Planungskommissariats 22 Milliarden Mark aufgebracht werden. Chefplaner Lopez Rodó hat in einer dreißigbändigen Untersuchung einen großen Teil der Investitionssumme allein für den Bau von 15 000 Volksschulen und 720 000 Wohnungen eingesetzt. Milliarden Peseten wird auch die Modernisierung der Exportindustrie und des Straßennetzes verschlingen. Woher das Geld kommen soll, ist vorläufig selbst den staatlichen Planungsexperten noch ein Rätsel, auch wenn sich ausländische Kreditgeber an dem vielversprechenden Entwicklungsprogramm beteiligen sollten. Die deponierten Goldreserven in der sowjetischen Staatsbank könnten da manches Loch stopfen.

Franco drängt darauf, daß der Vierjahresplan termingerecht erfüllt wird. Unterstützt von jener Girde „junger Europäer“ in seinem Kabinett, die mit der Liberalisierung in Spanien Ernst machen will, schob er alle Einwände der Alt-Falangisten beiseite. Jetzt muß er sich von ihnen den Vorwurf gefallen lassen, er tanze nach der Pfeife der „Technokraten“ und Kapitalisten. Der Caudillo aber ist nicht bereit, die Entwicklung Spaniens durch die Ewig-Gestrigen unter seinen Anhängern aufhalten zu lassen. Er hat auf Europa gesetzt, um das Land vor einer ungewissen Zukunft zu bewahren. Mit seinem energischen „Sprung nach vorn“ hofft Franco nun auch die Brüsseler EWG-Kommission, die den spanischen Assoziierungsantrag bislang in der Schublade liegen ließ, von seinen lauterer. Absichten überzeugen zu können.

Der Eifer indessen, den der Generalissimus plötzlich an den Tag legt, hat auch eine innenpolitische Ursache“, 1967, am Ende des Vierjahresplanes, ist der von Franco bestimmte Thronpiätendent Juan Carlos dreißig Jahre alt. Das Nachfolgegesetz sieht vor, daß der Prinz dann als Monarch das höchste Staatsamt übernehmen kann. Spanien, so will es der regierungsmüde Caudillo, soll auf diesen Augenblick gut vorbereitet sein. D. St.