Jedesmal wenn ich über das altmodische Kopfsteinpflaster des Innenhofs auf die Renaissance-Fassade des Old Burlington House zugehe, der Verkehr von Piccadilly ist plötzlich weit weg, überkommt mich ungeduldige Erwartung. Wie viele großartige Ausstellungen habe ich in diesem verschachtelten Gebäude, wo die Royal Academy of Arts, die ehrwürdige Royal Society und, in einem Seitentrakt versteckt, auch die Gesellschaft der Antiquare residiert, schon gesehen! Aber was jetzt in den sieben Sälen des Obergeschosses versammelt ist, die Winter-Ausstellung „Goya and bis Times ist wahrhaftig überwältigend. Es ist die umfassendste Ausstellung von Werken des großen Meisters, die jemals gezeigt worden ist.

Die Veranstalter sagen mit einigem Stolz, sie glaubten nicht, daß sich das je wiederholen lasse. Die Vorbereitungen zogen sich über Jahre hin. Der Katalog enthält 340 Nummern. Von den 260 Werken Goyas, die hier zu bewundern sind, stammen vierzig aus Spanien, zwölf von ihnen aus dem Prado, zwei interessanterweise aus Budapest. Insgesamt dreizehn Länder haben Bilder geliehen. Vier Gemälde stammen aus München, eine große Zahl aus spanischem Privatbesitz.

Da man in England den Raub des Wellington-Porträts noch nicht verwunden hat, die ausgestellte Vorzeichnung erinnert schmerzlich daran, sind die Sicherungsvorkehrungen entsprechend: diskrete Wachmänner, ein Netz unsichtbarer Elektronenstrahlen. Von den berühmten Prado-Bildern, die in einer Gemüseladung versteckt nach England gebracht wurden, bilden die der bekleideten und unbekleideten Maja natürlich eine besondere Attraktion. Sie haben Spanien bisher noch nie verlassen.

Der Eingangssaal ist Goyas spanischen Zeitgenossen und seinen unmittelbaren Nachfolgern gewidmet. Im zweiten begegnet man dem Meister selbst, und zwar einer Verkündigung und einem frühen und heiteren Jagdbild.

Dann kommt das große, vollstimmige Orchester der Meisterwerke, welche Manet und die französischen Impressionisten zuerst wieder entdeckt haben: die „dekorativen“ Bilder, etwa die für die Osuna-Residenz mit ihren lebhaften Figuren und Szenen, die großartigen Porträts, zumal der Frauen. Schließlich auch, leider sehr verstreut, die düsteren, in einem ständigen inneren Aufruhr wie unter dem Diktat von Dämonen hingeworfenen Visionen von Flagellanten und Irren, Stierkämpfern und Kannibalen.

Goyas Selbstbildnis, gemalt, als er neunundsechzig war, seit langem völlig taub, hängt für sich an der großen Wand des Hauptsaals. Ein von Krankheit gezeichnetes Gesicht, Augen, die viel Grauenhaftes und Unheimliches gesehen und für Generationen festgehalten haben – dies Bild enthält in seiner überlegenen Gelassenheit die Dämonie, den unbestechlichen Blick, der auch die Porträts der dummen und spießigen Bourbonenherrscher charakterisiert.

Der arrivierte Hofmaler zeigt Ferdinand VII. in prächtiger Königsrobe: mißtrauisch, dumm, von geheimen Ängsten erfüllt. Das Bildnis der Condesa de Chinchon, ein Hauptstück der Ausstellung, weil es die spanische Privatsammlung bisher nie verlassen hat und nur den Kennern bekannt war, ist ein Musterbeispiel souveräner, in Form umgesetzter Objektivität: das schimmernde Kleid verbirgt nicht die dümmliche Frau, schwanger und erschrocken, die den Beschauer mit einem Ophelia-Blick anstarrt.