Tunis, im Januar

Der chinesische Ministerpräsident Tschu En-lai besuchte in dieser Woche Ghana. Er hat damit das Pensum seiner Afrikareise zur Hälfte absolviert. Welchen Eindruck hinterließ der Chinese in Nordafrika?

Araber werten im allgemeinen Männer und nicht Ideologien. Offensichtlich waren so verschiedene Herrscher wie Nasser, Burgiba, Ben Bella und Hassan von Tschu beeindruckt. Der Chinese gewann sie weder durch politische Überzeugungskraft noch dadurch, daß er sie in die Feinheiten seiner Polemik mit Moskau einweihte. Er siegte, weil er vernünftig, bescheiden und intelligent schien. Man erwartete einen feuerspeienden Tschu, der die jungen afrikanischen Staaten drängen würde, zur gewaltsamen Befreiung des Kontinents von Imperialismus und Neokolonialismus mit China Waffenbrüderschaft zu schließen. Aber statt des Revolutionärs kam der Diplomat.

In Kairo, Algier, Rabat und Tunis lächelte er, war freundlich und beschwerte sich über die bösen Verleumdungen gegen sein Land. Es sei nicht wahr, daß China Krieg wolle. Es sei nicht richtig, daß die Chinesen über die Ermordung Kennedys gejubelt hätten. China sei bereit, seinen Streit mit Indien in Verhandlungen beizulegen. Natürlich werde es weiterhin allen unterdrückten Völkern in ihrem revolutionären Kampf beistehen. Aber das sei weder mit dem Streben nach friedlicher Koexistenz noch mit der Unterstützung einer Politik der Neutralität und Bündnisfreiheit unvereinbar. Tschu gab sich zurückhaltend neugierig, seine Begleiter machten unermüdlich Notizen – die Chinesen erweckten den Eindruck, sie seien gekommen, um zu lernen.

In Peking werden sie ihre neuerworbenen Kenntnisse gewiß auswerten, um die einzelnen Staaten individuell zu behandeln. In Afrika vermeidet Tschu jedoch, irgendwelche vorschnellen Verpflichtungen zu übernehmen. Seine Taktik ist es, in jedem Land gemeinsame Interessen und Ansichten zu betonen und kontroverse Fragen auszuklammern. Sein Plan ging bisher auf, sogar in Tunesien. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm Tschu es hin, daß Burgiba in einer Ansprache alle Punkte aufzählte, in denen er die chinesische Politik mißbilligte und den Test-Stopp-Vertrag ausdrücklich begrüßte. Die Chinesen zeigten sich von solcher Aufrichtigkeit keineswegs betroffen, sondern reagierten mit Humor. Am Ende des zweitägigen Besuches erkannte Tunesien China an – ein kleiner Triumph für den chinesischen Ministerpräsidenten.

Tschu kann Kinder umarmen, ohne dabei politisch auszusehen; er kann Hände schütteln, ohne daß auch nur der Verdacht entsteht, er veranstalte eine Schau. Freilich paßt seine Politik des Lächelns kaum zu den steinernen, undurchdringlichen Gesichtern seiner Begleiter. Ob Dolmetscher, Krankenschwester, Leibwächter oder hohe Funktionäre – alle scheinen eine strikte Order zu befolgen, die ihnen jeden Kontakt mit Ausländern verbietet. Tschu dagegen konnte vergnügt lächeln, als er, der marxistische Revolutionär, in Kairo Diplome an mohammedanische Theologen verteilte. Eine Woche davor hatte er es sich in Rabat auf dem atlasüberzogenen königlichen Diwan bequem gemacht und seine Augen glücklich über Silber und Gold schweifen lassen.

Am wenigsten wohl schienen sich die Chinesen bisher in Algerien gefühlt zu haben. Es bedurfte vier Stunden harter ideologischer Auseinandersetzungen, bis die Algerier in dem gemeinsamen Kommuniqué auf die Feststellung verzichteten, in Algerien werde ein sozialistischer Staat geschaffen.

Die Chinesen sollen den Algeriern geraten haben, sich solange Zeit zu lassen mit der Proklamation des Sozialismus, bis sie über die notwendigen Kader zum entscheidenden Angriff auf die Bourgeoisie verfügten. –le