Von Thilo Koch

Aloha, sagt die kugelrunde Frau im Muumuu. Ihr Lächeln läßt die Augen verschwinden, und ihr blauschwarzes Haar fällt offen und lang auf das geblümte, knöchellange Nachthemd, das die polynesischen Ladies in diesem amerikanischen Bereich zu allen Gelegenheiten tragen – selbst wenn sie als Empfangsdame der Fluglinien auf den Flugplatz gestellt werden. Der etwas verdutzte Herr aus Chicago, der neben mir saß, bekommt sogar zwei weiche Küsse auf seine mageren Wangen und einen rosaweißen Lai, einen jener hawaianischen Blumenkränze, um den runzligen Hals. Er fliegt Touristenklasse, ist keine „Very Important Person“, kein Würdenträger, für den der rote Teppich ausgerollt werden würde. Aber so empfangen sie hier jeden, die glücklichen Bewohner der glücklichen Inseln – die Polynesier.

Aloha – auch die Luft ist so weich und melodiös, wie dieser Gruß, und die polynesischen Lieder sind Gedichte aus Vokalen. Die jungen Mädchen zwitschern wie Vögel, und die Vögel von Hawaii scheinen polynesisch zu sprechen. Honolulu heißt die Hauptstadt, Oahu die größte Insel. Andere Inseln in der Kette dieser Perlen aus Vulkangestein und Korallen, just in der Mitte des Nord-Pazifik, klingen so: Molokai, Lanai, Kanal, Kahoolawe; und der berühmte Tanz, bei dem nicht nur die Damen, sondern auch die halbnackten Kavaliere so schnell und rhythmisch mit einem gewissen Körperteil wackeln, wie das sonst kein Mensch kann, der heißt hier „Hula-Hula“.

Pearl Harbour, was so viel wie „Perlenhafen“ heißt, überfliegt man mit gedämpftem Gruseln. Dort über die Vulkane kamen die japanischen Todesflieger an jenem 7. Dezember 1941 aus heiterem Himmel und zerstörten den größten Teil der amerikanischen Pazifik-Flotte. Über Nacht befanden sich die Vereinigten Staaten im Krieg. Noch heute sitzt der ganzen Nation der Amerikaner der Schrecken von Pearl Harbour tief in den Knochen. Noch heute ist nicht ganz klar, ob Präsident Roosevelt ebenso total überrumpelt wurde wie sein Volk.

Aber dort leuchtet hinter der Waikiki-Bucht der Diamond Head, der Diamantenkopf, das berühmteste Wahrzeichen Hawaiis, ein Vulkanmassiv, das grau mit violetten Tönungen sich ernst und abweisend zwischen Ananas-Plantagen und dem Pazifik erhebt, der im Augenblick meiner Landung königsblau ist wie Füllfederhaltertinte. Ein Bild des Friedens, ja der Glückseligkeit. Samoa und Tahiti (nicht zu verwechseln mit Haiti, dem Negerstaat auf der Insel Hispanola im Karibischen Meer) und die anderen polynesischen Inseln – sie sind mit Hawaii zusammen, was man am ehesten ein irdisches Paradies nennen durfte. Durfte, nicht darf – die Entdeckung, die sogenannte Zivilisierung, gerade auf den pazifischen Inseln brachte sie nicht das Ende, sondern den Anfang der Barbarei. Gauguin erhaschte noch einen Abglanz jener vorgeschichtlichen Unschuld.

Man glaubt zu wissen, daß Polynesien die Invasion der menschlichen Rasse erst sehr spät erleiden mußte. Hawaii soll um 750 nach Christi Geburt von Tahiti her besiedelt worden sein. Es ist ein Wunder, wie die Leute damals mit Segel und Paddel mehr als zweitausend Meilen weit, von Insel zu Insel, den größten Ozean der Erde befuhren. Die Polynesier sind keine eigentliche genuine Rasse. In ihnen mischt sich, was die Amerikaner „kaukasisch“ nennen, also die „weiße“ Rasse, mit mancherlei asiatischem Blut, vor allem von der Malayischen Halbinsel und aus Java. Das heutige Hawaii besteht nur zu 17 Prozent aus der Urbevölkerung, den Polynesiern. Dominierend sind die Japaner mit 37 Prozent. Die weißen Einwanderer, besonders aus den USA, machen 23 Prozent aus, und der Rest setzt sich zusammen aus Philippinos, Chinesen und vielen anderen. Die Gesamtbevölkerung des 50. Bundesstaates der USA beträgt auch heute noch nicht viel mehr als 600 000 Seelen. Dennoch ist Honolulu – und besonders Waikiki-Beach – immer überfüllt, weil Hunderttausende von Touristen, fast ausschließlich Kontinental-Amerikaner, hier Vergnügen und Erholung suchen.

Nicht nur. Hawaii ist einer der am meisten frequentierten militärischen Überseestützpunkte der Vereinigten Staaten. Weithin sichtbar, häßlich wie eine riesige Festung, thront ein ungeheuer großes Marine-Hospital über der Stadt. Die Straßen und mehr noch die Bars sind vollgestopft mit amerikanischen Matrosen und Marine-Infanteristen. Mir fällt der junge Mann ein, den ich einmal mitten im Staate Mississippi zu einem Bier einlud. Er erzählte, daß er gerade seine Dienstzeit absolviert habe – in Hawaii. „Oh“, sagte ich, „das muß schön gewesen sein.“ Er: „Sir, those damned Islands are hell for a soldier.“ „Lieber Herr, diese verdammten Inseln – für den Landser sind sie die Hölle.“ Niemand hat diese Hölle großartiger beschrieben als James Jones in seinem Roman „Verdammt in alle Ewigkeit“.