Von Diego Fabbri

Stadttheater Bremerhaven (Kleines Haus)

International bekannt ist der italienische Dramatiker Fabbri seit seinem „Prozeß Jesu“ (1955). Die Form jenes Stücks war so attraktiv wie irritierend. Jüdische Gelehrte aus Deutschland rollen den historischen Prozeß von neuem auf und erkennen die Hinrichtung Jesu Christi als Justizirrtum. Forumtheater der religiösen Bewußtseinsbildung überschritt eine Grenze szenischer Kunst. Bei der deutschen Erstaufführung in Kassel meldeten sich in Wiederholungsvorstellungen tatsächlich auch Theaterbesucher zum Wort. Die Scheinimprovisation der Prozeßspieler hatte so echt gewirkt, daß echte Improvisation von Zuschauern die Schauspieler in Konflikt mit ihrem gelernten Text stürzte. Trotz solcher Kunstfehler imponierte Fabbris religiöser Impetus. In seinen Dostojewskij-Dramatisierungen „Dämonen“ (1956) und „Prozeß Karamasoff“ (1962) hingegen verhedderte sich der Italiener dramaturgisch in der Motivfülle seines russischen Stofflieferanten.

Verdienstlich erscheint nun der Rückgriff des Bremerhavener Theaters auf ein früheres Stück, auf „Inquisition“ (1950). Hier hat sich Fabbri der Dreieinigkeit der aristotelischen Dramaturgie unterworfen. Ibsens Enthüllungstechnik wurde stofflich mit Strindbergs Höllendramatik der Geschlechter verbunden und daraus eine Theologie der Toleranz, der Nächstenliebe und des Gottvertrauens entwickelt. Obwohl die Handlung in der Sakristei einer Wallfahrtskirche spielt, ist es kein nur-katholisches Stück. Es müßte allen westdeutschen Kammerspielbühnen willkommen sein, deren Besucher aus dem Theater „etwas mitnehmen“, zum Nachdenken angeregt werden wollen.

Renato und Angela führen eine konfliktreiche Ehe. Sie liebt ihn mit Sinnenleidenschaft, kann aber den Mann, der Geistlicher werden möchte, längst nicht mehr erreichen. In der wunderreichen Wallfahrtskirche hoffen sie auf Klärung, stoßen jedoch auf einen jungen Geistlichen, der zu früh auf eine „Welt“ verzichtet hat, die er nicht kannte. Es droht eine bequeme Überkreuzlösung der Männerprobleme. Die Frau aber hat noch das Geständnis eines Mordversuchs zu machen.

Für Fabbris Kunst der Menschen- und der Szenenführung spricht es, wie der scheinbar einfältige alte Abt eine an das erwartete „Wunder“ grenzende Lösung bringt, als die vier Personen in der letzten Szene zum erstenmal gemeinsam auf der Bühne stehen. Liest man das Lebensrezept noch einmal nach, so wirkt es fast banal. Offene Frage an den Übersetzer Bernhard Markus, ob Fabbri tatsächlich keine originelleren Sprachformeln gefunden hat als: „Letzten Endes (!) ist das ganze Problem des Lebens nur ein einziges: Freunde suchen und finden und in ihrer Gesellschaft leben...“ Für die Intensität von Erich Thormanns aussparender Inszenierung zeugte der starke Eindruck, den das Spiel trotzdem hinterließ. Die Schauspieler waren nicht frei von falschen und forcierten Tönen. Dennoch gelang es ihnen, Fabbri à la Strindberg zu spielen. Mild leuchtete die undogmatische Verklärung, die ein homo religiosus zum Schluß über die Lebenshölle zu breiten versteht. Johannes Jacobi