Bonn, im Januar

Zu den heiklen Gesprächsthemen, die Bundeskanzler Erhard in London angeschnitten hat, gehört die Frage langfristiger Kredite für Investitionsgüter an die Sowjetunion. Bei seinem Besuch in Texas war er sich mit Präsident Johnson in der Ablehnung solcher Kredite einig. In seiner Bundestagsrede zum Haushaltsgesetz wies er nachdrücklich darauf hin. Man sei in beiden Ländern der Meinung, so sagte er, „daß die Möglichkeiten, mit Chruschtschow doch auf dieser oder jener Ebene in dieser oder jener Sache in ein fruchtbares Gespräch zu kommen, um so geringer werden, je mehr die sogenannte kapitalistische Welt die Sowjetunion aus zweifellos vorhandenen Schwierigkeiten zu befreien bereit ist“.

In Washington behauptet man, von diesen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sowjetunion sehr konkrete Vorstellungen zu haben. Der Amerikanische Geheimdienst gab – ein ungewöhnlicher Vorgang – vor kurzem der Presse Einzelheiten seiner Informationen bekannt. In England bezweifelt man die Richtigkeit der Behauptungen. Man vermutet dort, daß es Washington nicht so sehr um politische Besorgnisse und Erwägungen gehe, als vielmehr um bestimmte eigene geschäftliche Interessen.

Adenauer hatte verlangt, der Westen solle Moskau auch die dringend benötigten Getreidelieferungen verweigern, um den Kreml verhandlungswilliger zu machen. So weit geht Erhard nicht. Aber er fürchtet, es würden sich, wenn erst einmal England der Sowjetunion langfristige Investitionskredite einräumte, die französische und dann auch die deutsche Industrie nicht mehr von ähnlichen Transaktionen abhalten lassen.

In England wendet man ein – nicht ohne Grund überdies –, daß auch die deutsche Wirtschaft, und zwar in höherem Maße als bisher die britische, Sowjet-Geschäfte auf Kreditbasis mache. In Bonn meint man, der Westen solle keine Kredite mit mehr als fünf Jahren Laufzeit vergeben.

Robert Strobel