Weil ich gehört hatte, daß in der Dorfkirche zu Lochtum bei Vienenburg am Harz eine Barockorgel stünde, fuhr ich, als ich durch Goslar kam, nicht zur Autobahn, sondern nach Vienenburg, einem kleinen Flecken, dem man ansieht, daß unsere östlichste Bundesbahnstraße hier entlangführt. Still war es hier. Erstaunt, aber ungewöhnlich bereitwillig zeigte man mir die Straße nach Lochtum, die zwei Kilometer hinter dem Dorf durch die Zonengrenze beendet wird.

In Lochtum sah ich, daß hier die Häuser und Gartenzäune kaum in Berührung mit den Farbtöpfen eines Malers kommen; in Lochtum sind schon die Festkleider der Menschen dunkel. Und die helle Farbe meines Wagens schien ungewöhnlich zu sein. Die Leute hoben die Köpfe.

Voller Mißtrauen hielt ich zwischen einem großen roten Backsteinhaus, der Schule, und einem unansehnlichen, schmutzigen, aber turmgekrönten Gebäude, das die Kirche sein mußte. Übrigens wird der Turm von der Feuerwehr benutzt. Erst ein Zettel an einer Nebentür, auf dem in zittriger Schrift die Zeiten des Gottesdienstes angegeben waren, machte mich sicher. Ich war am Ziel. Allerdings hielt ich es für ausgeschlossen, daß in dieser Kirche eine kostbare Orgel steht.

Allein „der Ordnung halber“ und weil mich dieser ungewöhnliche Ort im ordentlichen Land Niedersachsen fesselte, entschloß ich mich, nach dem Pastorat zu fragen. Antwort: Der Pfarrer habe nach seiner Pensionierung sein Pastorat verlassen und sei nach Goslar verzogen, jedoch predige er jeden Sonntag noch in Lochtum.

Auch der Küster wohnte nicht mehr im Dorfe; er wird vertreten durch die Frau des Schuldieners. Sie öffnete mir voller Freundlichkeit die Kirche. Und mit großem Erstaunen erblickte ich ein Schmuckstück von einem Orgelprospekt in hellen, leuchtenden Farben; ich sah den matten, aber intensiven Glanz der Pfeifen. Das Gegengewicht dazu ist eine Kanzel in gleichen Farben, aber strengeren Formen.

„Diese Sachen stehen alle unter Naturschutz“, erklärte mir die Küstersfrau und sagte stolz, daß der katholische Pfarrer, der bis vor kurzem hier, im evangelischen Gotteshaus, gelegentlich die Messe gelesen habe, die Mutter Maria in ihrem Geweih gern mit nach Vienenburg genommen, wohin ihm seine Schäfchen nun folgen müssen. Doch wurde seine Bitte nicht erfüllt. Die Madonna blieb in Lochtum.

Inzwischen hatte man den Lehrer herbeigeholt – aus dem Wirtshaus, wie ich jetzt ohne Erstaunen hörte. Er besaß den Schlüssel zum Spieltisch der Orgel. Und wenn das Wort „Dorfschulmeister“ bestimmte Vorstellungen erweckt – in Lochtum paßte auch dieses Bild nicht. Denn vor mir stand der Typ des Studenten, wie man ihn an unseren Universitäten und Hochschulen überall findet: der Typ des jungen Menschen, der aufgeschlossen für alles ist, was ihn umgibt, aber noch nicht fähig die Umgebung zu formen. Und einen solchen Menschen hatte man nach Lochtum geschickt, in ein Dorf, aus dem die Pfarrer verzogen sind, aber mit einer Kirche, deren alte Orgel der Trost eines jungen Lehrers sein kann, und einem Wirtshaus, in dem er wohl darauf wartet, daß man ihn von diesem Ort fortholt... L.S.