Auch ein politischer Deutschland-Korrespondent kann nicht nur immer über Vorgänge in Bonn berichten. Neal Ascherson, der für den Londoner »Observer« aus Deutschland berichtet, lockte Unpolitisches. Er begab sich nach Baden-Baden, »jeute« und schrieb:

Wenn Dostojewskij heute versuchte, in das Kasino von Baden-Baden zu gelangen, ließe man ihn wahrscheinlich nicht ein. Denn nach der Ordnung des Kasinos werden nur die in die Spielsäle gelassen, die der Rezeption glaubhaft erklären, daß sie über „passende Vermögensverhältnisse“ verfügen.

Die Einwohner Baden-Badens sind nur mit einer schriftlichen Erlaubnis der Stadtverwaltung zugelassen, Einwohner der umliegenden Ortschaften nur mit Erlaubnis ihres Gemeinderates. Man braucht es gar nicht auszusprechen, aber der gewitzte und intelligente Leiter des Kasinos nennt es bei Namen: „Keine Mitglieder der Arbeiterklasse“!

Baden-Baden ist umgeben von mächtigen Schlössern, die auf die ehemaligen Untertanen des Markgrafen von Baden herabblicken, und die offensichtlich für so naiv gehalten werden, als daß sie den Wert des Geldes zu schätzen wissen. Ist dem wirklich so? Für eine Fahrt mit dem Taxi, die zwanzig Minuten dauerte, zahlte ich fast dreizehn Mark.

In den prächtigen, beinahe unsinnig goldenen Spielsälen geht das Gemurmel bei Roulette und Baccarat weiter, gerade so wie damals, als Dostojewskij die Ersparnisse seiner Frau dort verspielte. Die Spieler tragen noch immer den gleichen Ausdruck von Langeweile und Erbitterung, den schon Turgenjew bemerkte. Aber die Russen sind verschwunden. Vor hundert Jahren kam im Sommer die Aristokratie Zar Alexanders II., die Prinzen und Schriftsteller und ganze Legionen erstickend langweiliger, theoretisierender Nichtsnutze oder, wie es heute heißt, „Playboys“ nach Baden-Baden. Sie saßen dann unter den jetzt verschwundenen „Russischen Bäumen“ rund um das „Konversationshaus“, den massiven griechischen Palast, in dem das Kasino und die Ballräume untergebracht sind.

Heute gibt es nur noch eine alte Prinzessin, die in einem billigen Hotel wohnt. Die russische Kirche hat noch immer ihren Priester, und ein Zwei-Frauen-Chor wiederholt mit schriller Stimme mißtönend seine Litanei. Weihrauch zieht über die Gemeinde, bestehend aus zwei Mitgliedern, einer älteren Dame und einem Herrn in weiten zerschlissenen Hosen, der nach der Predigt wartet, bis die Dame gegangen ist und dann den Priester vorsichtig zu dessen Wagen führt.

1872 schloß das neue deutsche Kaiserreich den Spielsaal. Hitler eröffnete ihn wieder im Jahre 1933, ängstlich darauf bedacht, möglichst viele harte Währung einzunehmen. Heute sind die Spieler Geschäftsleute aus Wien, reiche Weinbauern aus dem Elsaß, amerikanische Touristen, kanadisches Flugpersonal von dem nahegelegenen NATO-Stützpunkt.