Von Hansjakob Stehle

Noch am gleichen Tage, an dem der Papst eines seiner über zweihundert Gebetsgruß-Telegramme an die Staatsoberhäupter aus Jerusalem auch nach Warschau sandte, beeilte sich der polnische Staatsrats-Präsident Aleksander Zawadzki, darauf zu antworten. Protokollarisch wäre das nicht unbedingt nötig gewesen. Nicht einmal Ulbricht, der die Ehre eines päpstlichen Kabels für die DDR einheimste, nutzte so schnell die Gelegenheit, Sie war der polnischen Regierung freilich aus anderen Gründen willkommen: Seit längerer Zeit neigt sie dazu, ihre seit 1957 chronisch schwelende und zuweilen aufflammende Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche des Landes auf dem "direkten Draht" mit dem Vatikan beizulegen, ohne sich zuerst mit dem streitbaren Episkopat Polens vergleichen zu müssen.

Umgekehrt sah der Kardinalprimas Wyszynski seit dem Tode von Papst Johannes wieder die Chance wachsen, daß Rom nach dem alten Wahlspruch handeln werde: La Polonia farà da se Polen wird allein fertig werden. Zu den ersten Amtshandlungen Pauls VI. hatte es gehört, dem Warschauer Kardinal jene Verhandlungsvollmacht für alle mit dem Staat zu regelnden Fragen zu übertragen, die Johannes während der ersten Periode des Vatikanischen Konzils offenkundig für die römische Kurie beansprucht hatte. Der Kardinal mußte sich damals damit abfinden, daß Johannes den Gedanken eines Konkordates mit Warschau ernstlich erwog und sich den Versuchen der Warschauer Regierung nicht verschloß, ins direkte Gespräch mit dem Vatikan zu kommen.

Eine Mittlerrolle gewann für kurze Zeit die katholische Znak-Gruppe, die im Sejm durch fünf Abgeordnete vertreten ist und im Staatsrat (formal gleichberechtigt neben Parteichef Gomulka) durch den Abgeordneten Zawieyski: einen Schriftsteller, der sich rühmen kann, privater Freund des Kardinals zu sein. Zawieyski war im November 1962 von Papst Johannes empfangen worden und hatte sogar einige freundliche Worte über Gomulka mit auf den Weg bekommen. Seit diesem Höhepunkt einer gewissen Annäherung hat sich das Klima jedoch wieder verschlechtert; weder ein Gespräch zwischen Gomulka und Wyszynski im März letzten Jahres, noch die folgenden Verhandlungen in der Warschauer "Gemischten Kommission" von Regierung und Episkopat führten weiter.

Nach dem Tode von Papst Johannes verschärfte sich die ohnehin militante Redeweise der Bischöfe, die ihr Selbstgefühl aus der traditionellen (freilich nicht mehr unumstrittenen) Gleichung "Polak = Katholik" schöpfen und die sich im Grunde bis heute weigern, die Realität eines Regimes von Atheisten mehr als "de facto" hinzunehmen. Selbst ein sonst weitsichtiger Mann wie der Breslauer Erzbischof Kominek ließ sich dazu hinreißen, in einer Predigt die Pocken-Quarantäne-Stationen in der Stadt mit Nazi-KZs zu vergleichen. Kardinal Wyszynski beklagte sich öffentlich, daß man die 25 polnischen Bischöfe nur mit fünf Dollar in der Tasche habe nach Rom reisen lassen – und verschwieg, daß diese ausdrücklich auf Reisedevisen verzichtet hatten und er selbst mit 10 000 offiziell deklarierten Dollars zurückkehrte...

Die Regierung ihrerseits antwortete wie je mit administrativen Nadelstichen und polemischen Artikeln, meist in kleineren Wochenblättern, kaum in der offiziellen Tagespresse. Den Fehdehandschuh aber, der ihr wieder einmal unverblümt hingeworfen wurde, hütete sie sich aufzuheben. Auch zur zweiten Konzilsperiode ließ sie wieder 25 der 65 polnischen Bischöfe fahren. Zwar erschien nun nicht mehr wie beim erstenmal der polnische Botschafter selbst zur Begrüßung am römischen Bahnhof, sondern nur ein Botschaftsrat. Auch unkte die polnische Presse zu Anfang wenig freundlich: der neue Papst sei dem Ausgleich minder wohlgesonnen als Johannes. Bald schon aber bewegten sich die Kommentatoren vorsichtiger: Sie erkannten, daß Paul VI. eher abwartete als zögerte. Vor allem jedoch zeigte die zweite Konzilsperiode deutlicher noch als die erste, daß der polnische Episkopat dabei ist, sich kirchenpolitisch und theologisch in eine Isolation zu marövrieren, die ihn Sympathien kosten kann.

Viele Konzilsväter waren schon während der ersten Sitzungsperiode überrascht, welch bescheidenen geistigen Beitrag die polnischen Bischöfe zum Reformwerk der Kirche lieferten. Das Erstaunen war noch größer bei westlichen Linkskatholiken, die dazu geneigt hatten, das polnische Modell kommunistisch-katholischer Koexistenz, das mehr der beiderseitigen Not als einer Tugend entspringt, über Gebühr zu idealisieren. In Wirklichkeit steht die Mehrheit der polnischen Bischöfe – mit zunehmendem Alter auch der Kardinal – den "modernen" Strömungen im westeuropäischen Katholizismus zutiefst mißtrauisch gegenüber.