Unsere zornige Jane türmte in diesem Zusammenhang alle Schuld auf Ebenezer Howard, dem sie originalen Städtehaß nachweist. Ebenezer Howard war aber keineswegs der originelle Erfinder des Städtehasses. Er hat seine Gedanken in England erst zur Zeit des Wechsels vom „Imperialismus der Wenigen“ zum „Imperialismus der Massen“ herausgebracht. Dieser Wechsel war nach außen gekennzeichnet durch die Wendung vom religiös gefärbten Liberalismus Glädstones zum erneuerten Torykonservatismus, als dessen Herold Joseph Chamberlain in einer Regierung des Empiregedankens fungierte. Stadtfeindschaft schien damals eine brauchbare Waffe gegen die Stützpunkte der liberalen Partei, die Städte. Städtehaß läßt sich aber viel weiter zurückverfolgen, bis in die Spätromantik, deren Kind er ist, ja, bis zu Rousseau und die sentimentale Naturbetrachtung des Rokoko. Städtehaß ist auch in Deutschland älter als die Großstadt selbst, worauf ebenfalls Professor Bahrdt hingewiesen hat. Sogar der „Städtehasser“ Bismarck herrschte als Ministerpräsident lediglich über Städte von etwa 10 000 Einwohnern (Essen 1854).

Rückwärts nach Utopia

Der deutsche Städtehaß war allerdings ein ideologisches Mittel der Aristokratie im Kampf gegen das Entstehen der Bourgeoisie. Ein von der vorbürgerlichen Oberschicht verwalteter Staat, der als „Wirklichkeit der sittlichen Idee“ das soziale. Geschehen von oben her lenkte, das ist im Wesen die Denkweise des Utopismus seit ihrem ersten Verfechter Plato her. Die „Gründer“ „gründeten“ lediglich mit Erlaubnis der Obrigkeit, die ihnen keine oder bloß eine rückwärtsgewendete Städtebautheorie zur Verfügung stellte, wie jene des Kronalchimisten Wilhelm Heinrich Riehl, der sein Stadtideal in der Zunftstadt aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg fand. Diese rückwärtsgewandte Utopie, die in Zunft- oder Biedermeierstädten ihr Vorbild fand, ist ein Wesenszug der europäischen Stadtplanungstheorie geblieben. Sie war von Riehl bis zu seinem Kollegen, Ebenezer Howard, eine Ideologie stadtfeindlicher Kräfte. Im 20. Jahrhundert aber entwickelte sie sich unter dem Einfluß des Howardschen Gartenstadtmodells zu einem selbständigen Geistesgebäude, dessen sich jedermann bediente, der nichts von den Städten und ihrer wirtschaftlichen Kraft, alles aber von einem utopisch aufgefaßten Staat erwartete.

Jane Jacobs hat diesen rückwärtsgewandten Wesenszug bei Ebenezer Howard unübertrefflich herauspräpariert. Howards Gartenstadt ist nichts anderes als die alte englische Landstadt, deren dominierendes Herrenhaus durch ein Gemeindezentrum ersetzt und die mit einigen Fabriken, abgeschirmt hinter Bäumen, versehen wurde. Heute freilich, in der Zeit des Übergangs zur automatisierten Industrie und zur „tertiären Stadt“, mit dem Übergewicht der Dienstleistungsberufe, macht sich das Fehlen einer nichtutopischen Stadtplanung viel schmerzlicher bemerkbar als zur Gründerzeit. Selbst die sogenannten Arbeiterparteien der Nachkriegszeit bedienen sich heute des orthodoxen Stadtplanungsmodells „aufgelockerte und gegliederte Stadt“, um die Gesamtstadt zugunsten des sozialen Wohnungsbaues vernachlässigen zu können – eine Erscheinung, die sich von Wien bis Birmingham bemerkbar macht. Diese Planung läuft allerdings der wirtschaftlichen Entwicklung diametral entgegen. Das Ergebnis wird ähnlich jenem der Gründerzeit mit ihrer chaotischen Industrie sein. Die Städte werden in einer chaotischen Dienstleistungsstadt enden.

Es genügt also zweifellos nicht, nur ein neues Modell der Stadtentwicklung zu finden, ein ringförmiges Schema der Stadtform durch ein aufgelockertes strahlenförmiges zu ersetzen. Denn im allgemeinen gilt, daß Schemata im Städtebau nicht sinnvoll sind. Schema oder Utopie – ihre Verwirklichung scheitert ebenso wie der Ahnherr aller Utopien Plato am Hofe des Tyrannen Dionysos daran, daß sie Phantasie mit Wirklichkeit verwechselt. Der Soziologe Bahrdt schließt sein Kapitel „Mut zur Utopie?“ mit dem Satz: „Lebendige Städte sind niemals geschlossene Systeme, in denen alles vorausbestimmt ist. Voraussetzung der Lebendigkeit ist Unvollständigkeit der Integration.“

Der „Weg aus Utopia“ ist es also offenbar, der heute in der Stadtplanung betreten werden muß. Um ihn zu erkennen, ist es notwendig, die Utopie so gründlich zu analysieren, wie es Professor Dahrendorf in seinem Buch „Gesellschaft und Freiheit“ getan hat. Utopie setzt einen Mann voraus, der imstande ist, die absolute Wahrheit zu erkennen. Utopie wird aus dem Kopf erschaffen, denn Utopie hat es noch nie gegeben. Utopie ist absolut vollkommen. Sie ist das wiedergefundene Paradies, das man je nach Zeitgeschmack und ohne Rücksicht auf Realität im Biedermeier, im Barock oder in den Zunftstädten aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg findet. Solche Idealstädte unserer Städtebauer können keine Geschichte mehr haben. Änderungen in der Zeit wären ja Abweichungen von der Vollkommenheit. Die Idealstadt unserer Städtebauer bringt keine Konflikte mehr, nicht einmal Verkehrskonflikte. Sie haben ja die „fußläufige City“. Da diese Idealstadt eitel Harmonie und Vollkommenheit ist, darf sie auch nicht verwässert werden. Die Idealstadt muß, wie jede Utopie, zu ihrer Durchsetzung Zwang, und zwar bis zum Terror, nach sich ziehen.

Es ist merkwürdig, aber nicht einmal den Politikern scheint aufgefallen zu sein, daß man die Zukunft der Städte nicht Utopisten anvertrauen darf, und daß hier ein grundsätzlicher Betrachtungsfehler der Großstadt vorliegt. Erst Jane Jacobs hat gezeigt, daß die utopische Stadtplanung ein Irrweg ist. Der Drache dürfte freilich nicht damit erlegt sein. Er wird weiter, je nach Bedarf, Feuer speien.