Rom, im Januar

Vom gleichen Rednerpult in Roms Kongreßhalle aus, an dem Pietro Nenni stand, um das Einverständnis des 35. Kongresses der Sozialistischen Partei Italiens zum Eintritt in die Regierungskoalition zu erbitten, hat nur zehn Wochen später der Wortführer des linken Parteiflügels, Tullio Vecchietti, erklärt, daß es für seine Gruppe ideologisch und politisch unmöglich sei, Nenni und seiner Mehrheit auf ihrem Wege zu folgen,

Vecchietti wandte sich an eine Versammlung umsichtig ausgewählter Delegierter, von denen kein Widerspruch gegen den Spaltungsentschluß zu erwarten war. Gegen die Konstituierung einer neuen Partei, der „Sozialistischen italienischen Partei der proletarischen Einheit – partito sozialista italiano di unita proletaria (psiup)“ hat sich demnach auch keine Stimme erhoben.

Die Geburt dieser Partei der vierten in Italien, die sich auf die Arbeiterbewegung beruft – ist erfolgt, ohne Überraschung hervorzurufen, ohne Hoffnungen zu enttäuschen. Die Geschichte des italienischen Sozialismus ist eine Geschichte der Spaltungen zwischen evolutionären und doktrinären Flügeln, Auf diese Weise ist im Januar 1921 die kommunistische Partei aus der sozialistischen hervorgegangen, und haben sich im Januar 1947 die Sozialdemokraten unter Saragat von den Sozialisten gelöst, weil sie die Aktionseinheit mit den Kommunisten ablehnten.

Die jüngste Spaltung nun rührt daher, daß Nenni erkannt hat, es sei unmöglich, die Macht für die Arbeiterklasse gemeinsam mit den Kommunisten zu erringen – ohne dabei die Freiheit zu verlieren. Vecchietti dagegen klammert sich an die alten Volksfrontideen, Er wählte für seine neue Partei den gleichen Namen, den sich die Sozialisten zur Zeit ihrer engsten Zusammenarbeit mit den Kommunisten gegeben hatten,

Das Banner des PSIUP zeigt jedoch zuviele Dinge und verrät damit Unsicherheit: die aufgehende Sonne der Zukunft, Hammer und Sichel, ein aufgeschlagenes Buch mit Kernsprüchen von Karl Marx und Giacomo Matteotti, Die Spaltung ist ein Werk intellektueller Parteidogmatiker, keine Reaktion der Arbeitermassen auf die Entschlüsse des letzten Kongresses. Sie findet wenig Widerhall, und Nenni dürfte recht behalten, wenn er die Dissidentenpartei nur als ein Element vorübergehender Verwirrung betrachtet, als eine Partei, die im Parlament nur die Isolierung der Kommunisten teilen, sich aber nicht mitbestimmend in die Politik einschalten kann. Die Auswirkungen auf die Regierungskoalition sind unbeachtlich. Von den 87 sozialistischen Abgeordneten sind nur 25 zu Vecchietti übergegangen und von den 44 Senatoren nur sieben. Der Regierung Moro–Nenni bleibt, wie das Vertrauensvotum gezeigt hat, ein so breiter „Sicherungsgürtel“, daß sie gegen jede Überraschung gefeit ist.

So schmerzlich die Spaltung den italienischen Sozialismus treffen mag – für die allgemeine innerpolitische Situation bedeutet sie eine erfreuliche Klärung. Viel Unsicherheit und Zweideutigkeit wird durch sie aus dem Weg geschafft, Die Gegner der „Linksöffnung“ haben keinen Anlaß mehr, auf irgendwelche inneren Widersprüche hinzuweisen und die Gültigkeit der neuen Formel in Zweifel zu ziehen. Hans Bauer