Die Feier eines Stadtjubiläums ist keine Kleinigkeit. Handelt es sich aber um eine Jahrtausendfeier, so kann man sich nicht lumpen lassen. Ehe jedoch die Vorbereitungen anlaufen, sollen sich die Verantwortlichen darüber klar sein, daß das zu feiernde Jubiläum auch geschichtlich nachgewiesen werden kann... Der Redner, Verkehrsdirektor J. P. Koltz aus Luxemburg, macht eine Pause und fährt dann triumphierend fort: „Für die Stadt Luxemburg war das nicht schwer, da das historische Datum des 17. April 963 einwandfrei feststand...“ Die wenigen Zuhörer im „Arbeitskreis B“ des „VI. Fachkursus für das Kur- und Fremdenverkehrswesen“, der vom 6. Januar bis 10. Januar 1964 wie alljährlich in Pirmasens stattfindet, schauen gelangweilt auf ihre Notizblätter. Sie scheinen kein tausendjähriges Jubiläum zu befürchten.

Auf dieser Mammut-Tagung, zu der über hundert Mitarbeiter des Kur- und Fremdenverkehrswesens nach Pirmasens gekommen sind, gibt es laut Programm innerhalb von 96 Stunden acht offizielle Begrüßungen,, zwei Empfänge, zwei Colloquien, ein Gespräch am runden Tisch, eine Lehrvorführung, zwei Besichtigungen und ein Seminar. Man kann sich über die „Typographie in der Werbung“ und über das „Zusammenspiel der Werbemittel“ orientieren lassen, den „Saarländischen Rundfunk“ und das „Europa-Haus“ in Otzenhausen besichtigen. „Die Situation der internationalen Jugendbewegung“ und die „Situation der europäischen Einigungspolitik“ stehen zur Debatte – alles im Rahmen des „Kur- und Fremdenverkehrswesens“. Aber all das ist – neben vielem, anderen – nicht mein Problem, obwohl das Kur- und Fremdenverkehrswesen durchaus mein Problem ist: Als Kursus-Teilnehmer in der Theorie und als Gast deutscher Hotels in der Praxis – so rund 200mal im Jahr. So liegt es nicht an mir, daß ich am liebsten die meiste Zeit auf meinem Zimmer säße, dem Zimmer 303 im dritten Stock des Tagungs-Hotels

Das aber verhindert der Wirt, denn er hat mit der Wattstärke seiner Glühbirnen gespart, und auf dem einzigen kleinen Tisch steht überhaupt keine Lampe. Nach einer halben Stunde Arbeit schmerzen die Augen. Auch der helle Tag bringt mir keine Freude. Wenn ich im Hellen in mein Zimmer gehe, blickt mir die ganze Traurigkeit der deutschen Gastronomie entgegen: Verblichene Tapeten, zwei klobige Betten (deren gutes Holz sie nicht eleganter macht), dazwischen ein schmaler Gang mit eingeklemmter Nachtkommode, ein Schrank, der wie ein Geldschrank aussieht, ein kleiner Tisch mit Kaufhaus-Decke neben der Waschanlage, eine Kofferbank, ein Telephon, ein Preisschild DM 18,00 plus DM 0,50 Heizung plus DM 2,75 Bedienung plus DM 2,75 für das (obligatorische) Frühstück – macht zusammen 24 Mark. Ich bekomme es jedoch billiger, weil ich allein dort wohnen darf und weil mir die freundliche Kursus-Leitung einen Rabatt verschafft hat.

Einmal jedoch sind wir ganz nahe am Thema. Peter Reimer, Kurdirektor und Vorstand der Kur-AG von Bad Dürkheim, referiert über „Die Geschichte der Hotellerie und Gastronomie sowie die heutigen Probleme im Zusammenhang mit dem Fremdenverkehr“. Von den Römern zur Gegenwart: vermehrte Abwanderung von Gästen ins Ausland, drückende Steuerlasten, wachsender Personalmangel, neue Preiserhöhungen, steigende Unzufriedenheit der Gäste – „besonders einer bestimmten Kategorie von ewigen Meckerern“.

Da meldet sich in der Diskussion ein Tagungsteilnehmer zu Wort. Er berichtet, was etliche ihm bekannte Hotels auch heute noch für zwölf bis fünfzehn Mark bieten: freundliche Zimmer, geschmackvolle Einrichtung, gute Bedienung, nachahmenswerte Extras: Nähzeugkissen, Plasticbügel für Nylonhemden im Duschraum, Blumen, verschiedene Arten von Kopfkissen, Betthupferl, Schreibmappen... Er fragt: „Müssen diese Hotelbesitzer alljährlich ihr privates Sparschwein zertrümmern, wenn sie diese Leistungen bieten, da ja die anderen Wirte bei höheren Preisen und geringeren Leistungen offensichtlich am Rande des Ruins stehen?“ Und er fragt: „Was nützen uns gute Plakate und ausgezeichnete Werbemittel, wenn die Leute sich nicht wohl fühlen? Sie werden trotz guter Plakate abwandern...“

Nach dem Abendessen gibt es deutschen Männergesang, „Hans und Gisela“ und die deftigen Männerwitze eines Conférenciers laut Programm: „Wie gestalte ich einen Gästeabend – ein Lehrbeispiel des Verkehrsvereins Weinheim

Am nächsten Morgen hat uns der gastronomische Alltag wieder: Um sechs Uhr werde ich mißmutig geweckt, obwohl ich nicht den „Saarländischen Rundfunk“ besichtigen will und deshalb ein Zettel an der Tür 303 hängt: „Bitte nicht wecken!“ Der Verkehrsamtsleiter von Bad Niederbreisig dagegen, der so gern das Funkhaus sehen möchte, wird ungeweckt erst zu einer Zeit wach, da die anderen das Funkhaus im fernen Saarbrücken schon wieder verlassen. Symptomatisch – zumindest für den Grad der Unlust, mit der Gäste als Gäste behandelt werden.

Heinz D. Stuckmann