Von Wolfgaug Kuballa

Genf, im Dezember

Den Schweizern macht die Energieversorgung ihres Landes plötzlich große Sorgen. Bisher konnten sie sich auf die reichlichen Wasserkräfte als Energiespender verlassen. Sie liefern 98 Prozent der Elektrizität; nur 2 Prozent werden von Wärmekraftwerken erzeugt. Im Winter 1962/63 aber sahen sich die Eidgenossen erstmals wirklichen Schwierigkeiten gegenüber. Infolge niedriger Wasserstände entstand eine derartige Stromknappheit, daß die Bevölkerung zu Sparmaßnahmen aufgefordert werden mußte. Die Straßenbeleuchtung strahlte nur mit halber Kraft, und die Schaufenster gähnten dunkel die Passanten an.

Mit Entsetzen stellten die Eidgenossen fest, daß selbst dann, wenn die im Bau befindlichen und noch geplanten Wasserkraftwerke programmgemäß in Betrieb genommen werden, sie bei mittlerer Wasserführung bereits im Winter 1967/68 den Verbrauchszuwachs nicht mehr zu decken vermögen. Es ist daher unerläßlich, spätestens in vier Jahren ein großes thermisches Kraftwerk in Betrieb zu nehmen. Ein Atomkraftwerk bietet sich als beste Lösung an. Doch die Schweizer denken nur schaudernd an eine derartig revolutionäre Neuerung.

Dabei liegen die Vorteile eines solchen Werkes auf der Hand. Ein Ölkraftwerk braucht in einem Winter, bei 2400 Betriebsstunden, etwa 200 000 Tonnen Heizöl. Für ein Werk, das mit Kernbrennstoffen arbeitet, sind bei einer Leistung von 300 Megawatt für zehn Winter hingegen nur 100 Tonnen Uran nötig, die einen Platz von fünf Kubikmetern einnehmen. Außerdem ist man im Valais auf Uran-Vorkommen gestoßen, die sich unter Umständen als abbauwürdig erweisen können. Professor Urs Hochstrasser, der bei der Bundesregierung in Bern mit Fragen der Energieversorgung betraut ist, macht sich daher für ein Atomkraftwerk stark. Doch selbst sein Hinweis auf die Erfahrungen, die die Engländer mit ihrem Werk in Calder-Hall gemacht haben, stößt auf taube Ohren.

Der eigentliche Grund zur Opposition besteht jedoch darin, daß die Schweiz nicht die technischen Voraussetzungen besitzt, innerhalb der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit ein eigenes Atomkraftwerk aufzubauen. Ein ausländisches Unternehmen mit der schlüsselfertigen Lieferung eines vollständigen Atomkraftwerkes zu beauftragen, würde aber den Schweizer Nationalstolz zu sehr verletzen. Die Eidgenossen machen sich daher daran, ihren eigenen Reaktor für die Energieversorgung zu basteln.

Die Voraussetzungen hierfür sind denkbar schlecht. Für Forschungszwecke steht in Würenlingen an der Aar Europas kleinstes Kernforschungszentrum zur Verfügung. Etwa 500 Personen, 40 Prozent davon Ingenieure und Techniker, sind in dem idyllischen Ort beschäftigt. In Frankreich hingegen sind 60 000 Menschen, in Großbritannien 40 000 in der Kernforschung tätig. Das Institut, dessen Angestellte ebenso jung sind wie die Wissenschaft, mit der sie sich befassen, ist eine Gründung der Privatindustrie. Sie konnte nicht mehr als 22 Millionen Franken zur Finanzierung aufbringen, so daß einige Sicherheitsvorkehrungen etwas großzügig getroffen werden mußten.