Ich möchte schon gern neuere Sprachen studieren, aber dann kann man ja nur Studienrat werden." Diese Worte eines Abiturienten, Jahrgang 1963, sind symptomatisch für eine verbreitete Haltung gegenüber dem Lehrerberuf. Sie bedeuten nicht, daß der Schüler den Lehrer mißachtet, im Gegenteil, er bringt ihm eine Art mitleidiger Achtung entgegen. Die gleiche Meinung von Anerkennung des Könnens und Mitleid ob des gewählten Berufs spricht aus den Worten eines anderen Primaners: "Sie bleiben doch nicht etwa im Schuldienst?" – Und der angesprochene Referendar fühlt sich geschmeichelt, selbst wenn er die Absicht hat, im Schuldienst zu bleiben.

Ein Arzt oder ein Jurist hat unabhängig von seinen menschlichen und fachlichen Qualitäten einen bestimmten gesellschaftlichen Rang auf Grund seines Berufs; wenn ein Lehrer Ansehen genießt, dann beinahe trotz seines Berufsstandes. Ich entsinne mich, vor Jahren einmal eine soziologische Umfrage gelesen zu haben, die die einzelnen Berufe nach ihrem gesellschaftlichen Ansehen verzeichnete. Universitätsprofessor und Arzt führten die Liste an, der Lehrer stand ziemlich am Ende, in der Nähe des Friseurs.

Auch die an sich erfreuliche Tendenz, sich bei der Erziehung so weit wie möglich auf das Kind einzustellen, die sich seit den zwanziger Jahren bei uns immer mehr durchgesetzt hat, bringt Auswüchse hervor, die Autorität und Ansehen des Lehrers untergraben. Vor fünfzig Jahren noch wurde selbst der ungerechtfertigt strafende Lehrer von den Eltern gestützt. Als Erziehungsprinzip galt: Der Erwachsene hat dem Kind gegenüber auch dann noch Recht, wenn er im Unrecht ist. Möglicherweise stand dahinter bewußt oder unbewußt die Einsicht, daß dem Kind auch im späteren Leben Ungerechtigkeiten widerfahren werden, mit denen es dann ebenfalls fertig werden muß. Kommt heute der Sohn aus der Schule und übt an seinen Lehrern Kritik, so kann er in den meisten Fällen der Zustimmung der Eltern ziemlich gewiß sein. Die Möglichkeit, daß Geisteskräfte, Fleiß und Aufmerksamkeit des Kindes unzureichend sind, wird von vielen Eltern gar nicht erst erwogen. Die Vorstellung vom Lehrer als dem "Lehrpersonal", dem Bedienten des Kindes, hat sich allzusehr durchgesetzt. Daran ist die Pädagogik mit der von ihr gepredigten Vergottung des Kindes nicht ganz unschuldig.

Und wie stehen die Lehrer selbst zu ihrem Beruf? Das geringe Ansehen des Standes hat verständlicherweise auch Einfluß auf das Standesbewußtsein des Lehrers. Erfreulich ist, daß es trotzdem Lehrer gibt, die auf Grund einer richtigen Einschätzung der Bedeutung ihrer Arbeit sich von dieser verhängnisvollen Tendenz nicht beeindrucken lassen. Doch sie sind in der Minderzahl. Andererseits gibt es auch jenen Typus, der auf die gesellschaftliche Geringschätzung des Standes mit einer Überbetonung des Pädagogischen reagiert.

Für einen Arzt ist es kein Kompliment, wenn man ihm sagt, er sehe gar nicht aus wie ein Arzt; einem Lehrer kann man kaum einen größeren Gefallen tun, als ihm zu versichern, er sehe bestimmt nicht aus wie ein Lehrer. Besonders erschreckend ist es, – wenn man diese Neigung, seinen Beruf zu verleugnen, bei jungen Menschen findet, die sich gerade erst auf eben diesen Beruf vorbereiten. Mir ist der Fall eines Referendars bekannt, der es peinlich vermeidet, mit einem Schulbuch unter dem Arm auf der Straße gesehen zu werden, aus Furcht, man könne ihm den Lehrer ansehen.

Es erhebt sich die Frage: Was können wir tun, um den Berufsstand aufzuwerten, der wie kein anderer für die Zukunft arbeitet?

Die wesentliche Forderung – nicht im Interesse der Lehrer, sondern im Interesse des Gemeinwohls – ist eine Herabsetzung der Pflichtstundenzahl. Diese Forderung ist allerorts höchst unpopulär: bei der Allgemeinheit, weil sie der Meinung ist, die Lehrer hätten sowieso schon viel zu viel Ferien; bei einem großen Teil der Lehrerschaft, die eine massive Gehaltserhöhung für wesentlich erstrebenswerter hält als eine Reduktion der Stundenzahl; und schließlich bei den zuständigen Behörden, weil sich damit die Zahl der Planstellen und also auch die Kosten der Schulbildung erheblich erhöhen würden.