Hans-Jochen Gamm: „Der Flüsterwitz im Dritten Reich“, Paul List Verlag, München, 233 Seiten, 14,80 DM.

Der Flüsterwitz war“, so sagt der Verlag zu diesem Buch, „ein gefährlicher Angriff des Mannes von der Straße gegen den allmächtigen Apparat, gegen die Bonzen und ihre Weltanschauung’, denn Gelächter war tödlich für die auf sturen Ernst zugeschnittene braune Tyrannei.“ Ob der Autor sich diese kühne Behauptung ganz zu eigen machen würde, weiß man nicht: Er hat sich aber jüngst in einem apologetisch-interpretierenden Aufsatz („Ist ein Witzbuch über den Nationalsozialismus gefährlich?“ in „Das Beste aus gestern und heute“, Nr. 5) geäußert. „Je ferner uns die Zeit von 1933 bis 1945 rückt, je weniger die Jugendlichen verstehen, was damals vorging, um so stärker ist die Wissenschaft genötigt, alle Zeugnisse über den ‚Volksgeist‘ auszuwerten ... Das Buch wendet sich an die Nachwachsenden, welche die damaligen Ereignisse nicht mehr erlebt haben, sich aber auseinandersetzen möchten mit dem Geschehen der verfehlten jüngsten deutschen Vergangenheit.“

Unbestritten ist es der Wissenschaft zugestanden, jedwedes Zeugnis des Zeitgeists zu fixieren – aber ein für die weite Öffentlichkeit bestimmter Paperback ist anderen Gesichtspunkten unterworfen. Gamm legt großen Wert auf seine historisch-interpretierenden Kommentare zu den Witzen, und es ist auch festzustellen, daß diese Erläuterungen einen größeren Raum einnehmen als die eigentlichen Witze.

Der Durchschnittsleser will sich – aus diesem oder jenem Grund – an den Nazi-Witzen ergötzen (wobei er freilich nicht auf seine Kosten erbärmlich ärmlich oder geschmacklos).

Das Dritte Reich war indes – das weiß Gamm, kommen wird, denn die große Überzahl ist der bei Kriegsende zwanzig Jahre alt war und seitdem einen großen Teil seiner Zeit auf die Enthüllung des Unrechtsstaates verwandt hat – ein Gebilde, in dem fast keiner etwas zu lachen hatte. Der „Nachwachsende“ jedoch, der zu Gamms Buch greift, um über jenes Regime aufgeklärt zu werden, wird erstaunt (und vielleicht: erleichtert) daraus schließen, daß es doch „so schlimm“ nicht gewesen sein könne, wenn man in diesem System so viel scherzen konnte.

Muß man sich ernsthaft auseinandersetzen mit der extravaganten Behauptung des Verlages, daß der „Flüsterwitz ein gefährlicher Angriff“, „tödlich für die ... braune Tyrannei“ gewesen war? Die Nazis (nicht allein Göring) duldeten Witze über sich in Grenzen ganz gern, da dadurch die Illusion einer Gedankenfreiheit und ein letzten Endes unschuldiges Ventil für Groll geschaffen wurden. Nein, kein Flüsterwitz hat die Lebensdauer des Hitler-Staates auch nur um eine Stunde verkürzt.

Gamms Buch kann demjenigen, der es sorgfältig liest und den Erläuterungen des Autors gehörige Beachtung schenkt, gewisse Information über das Dritte Reich geben. Weniger nachdenksame Leser mögen aus der Sammlung der meist sehr schlechten Witze den von Gamm ganz gewiß mißbilligten Schluß ziehen, daß es von 1933 bis 1945 wohl doch nur „halb so schlimm“ gewesen sein kann, wenn selbst Juden noch witzeln konnten. Hans Lamm.