Von Werner Krause

Als einziger Skispringer aus der Bundesrepublik steht Max Bolkart, der schon 31 Jahre alt ist, in der deutschen Olympiamannschaft für Innsbruck. Einer der Gründe für den fehlenden Springernachwuchs – nur der deutsche Jugendmeister fiel angenehm auf, ohne sich aber qualifizieren zu können – liegt sicher daran, daß dem Bau, von Jugendskisprungschanzen für 15 bis 25 Meter Sprungweiten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aber gerade sie sinddie wichtigsten Sprungschanzen, weil es ohne sie bald keinen Nachwuchs mehr geben wird. Um den unsinnigen Bau von „Riesenschanzen“ eindeutig zu „bremsen“, gestattet der Internationale Ski-Verband (FIS) nur noch die Anlage von Schanzen für höchstens 90 Meter Weiten (kritischer Punkt).

Als der Schweizer Dr. Ing. Reinhard Straumann etwa 1926 bereits seine Erkenntnisse, Berechnungen und Forderungen zum Skispringen veröffentlichte, wurde er kaum verstanden. Seine Forderung, das Aufsprungbahnprofil müßte der „Flugkurve“ des Springers angepaßt sein (auf großen Schanzen parabelförmig) und der Sprungstil im Zeichen stärkster Vorlage mit hinten am Körper befindlichen Armen stehen, eilte dem Stand der Dinge fast um Jahrzehnte voraus.

Damals war auf den (für heutige Verhältnisse „kleinen“) Schanzen der fast vorlagelose ballistische Sprungstil überwiegend. Damals wurden die Schanzen als „Fallschanzen“ angelegt, um durch die Steigerung der Fallhöhe die Sprungweiten zu vergrößern – und das war falsch. Beim ballistischen Sprungstil „sackt“ der Springer etwa im zweiten Teil seiner „Flugbahn“ stark nach unten ab. Es möge heute jemand behaupten, ein damaliger 50-Meter-Sprung sei einfacher und leichter gewesen als ein heutiger 100-Meter-Sprung. Es ist sogar zweifelhaft, ob ein heutiger „Fischstilist“ eine damalige „Fallschanze“, die etwa ein H : N-Verhältnis (Verhältnis von Senkrechter und Waagerechter) von 0,70 hatte, an der 50-Meter-Marke einen Landewinkel von vielleicht 15 Grad mit Aufsprungdruck von etwa 180 kg bei 35 Grad Aufsprungneigung ohne Spezialtraining überhaupt durchstehen könnte.

Damalige „Schanzenkönige“ wußten kaum, etwas von „aerodynamischen Momenten“, aber ein Jacob Tullin Thams (Goldmedaille), ein Narve Bonna (Silbermedaille) und Thorleif Hang (Bronzemedaille), zeigten bei den 1. Olympischen Winterspielen 1924 in Chamonix auf einer Schanze, die kaum für Vorlagesprungtechnik geeignet war, bei ihren Sprüngen von 44 bis 49 Meter bereits eine Vorlage, welche die Fachleute staunen ließ. Sie werden nicht ganz zu Unrecht als „Väter“ der Epoche des Vorlagesprungstils bezeichnet, wenn sie auch nicht seine „Erfinder“ waren. Niemand hatte ihnen auf wissenschaftlicher Basis Sprungkurven vorgerechnet, niemand unter ihre Füße eine Schanze mit aerodynamisch-parabolischer Aufsprungbahn gestellt. Allgemein mußten ungeheure „Druckböcke“ gemeistert werden. Trotz dieser damaligen Verhältnisse erzielte ein Jacob Tullin Thams in seiner Heimat auf der damals „modernsten“ Odnaes-Schanze (Fluhberg) 70 Meter Sprungweite. Sicherlich eine ebenso große Leistung, wie sie der 27jährige jugoslawische Forststudent Joze Slibar bei seinem 141-Meter-Weltrekordsprung am 24. Februar 1961 auf der Riesenschanze in Oberstdorf vollbrachte, weil man ihm eine Anlage präsentierte, die zu dieser Leistung geradezu „herausforderte“.

Während die Norweger, traditionsbewußt, noch an ihren alten und veralteten Schanzenprofilen festhielten, rechneten die Mitteleuropäer, arbeiteten auf dem Reißbrett mit Winkelmesser und Rechenschieber neue Schanzenprofile aus. Daher konnten Norwegens Skispringer außerhalb ihrer Heimat die Offenbarung des Vorlagesprungstils bringen, allen voran der einmalige Birger Ruud, der aber noch in den Hüften abgeknickt war. Junge Skinationen wie zum Beispiel die Japaner und Russen, hielten sich an die Lehren von Dr. Straumann. Daher war es ein Japaner, Masaji Iguro, der bei den Olympischen Winterspielen 1936 in Garmisch mit großartiger aerodynamischer „Super“-Vorlage durch die Luft flog. Hatte bereits 1911 ein Sepp Bildstein vom „Liegen auf der Luft“ gesprochen, ein Dr. Straumann das „Gleiten auf der Luft“ gefordert, so demonstrierte es der Sohn aus dem Land der aufgehenden Sonne nun in der Praxis!

Mangels geeigneter Schanzen versuchten sich Anfang der dreißiger Jahre bereits einige Springer auf kleineren Schanzen mit dem Vorlagesprungstil mit hinten am Körper befindlichen Armen. Mitunter bekamen sie dafür „Haltungsfehler“ von Sprungrichtern.