Von Johannes Jacobi

Hunderte von jungen Menschen beschließen alljährlich, daß ihnen die Bretter die Welt bedeuten, opfern Zeit und Geld für ihre Schauspielerausbildung – mit dem Ergebnis, daß 70 % aller, die die Prüfung ablegen, den Beruf dann später doch wieder aufgeben. Sollte das vielleicht unter anderem auch an dem in der Bundesrepublik völlig föderalistisch-ungeregelten Ausbildungs- und Prüfungssystem liegen? Daran, daß es bei uns noch immer keine Theaterhochschule gibt? Neben privaten Schauspiellehrern (die ihre Lehrbefähigung nicht nachzuweisen brauchen) gibt es zwar eine Reihe von öffentlichen Schauspielschulen (in Bochum, Frankfurt, Hannover, Hamburg, München, Wien, Salzburg und Zürich), bei denen aber auch die Unterschiede wiederum größer sind als die Gemeinsamkeiten. Als Minimum der Ausbildungszeit für einen Schauspieler gelten zur Zeit drei Jahre – aber auch da sind sich die Gelehrten schon wieder uneinig, und manch einer ist der Ansicht, daß im Interesse der Regisseure wie der jungen Schauspieler eine fünfjährige Ausbildungszeit (einschließlich Aufführungspraxis) unbedingt zu fordern sei.

Wiederum ist auch das ein Fernziel. Ein Nahziel dagegen wäre die systematische Koordirung des Schauspielunterrichts, der an den öffentlich subventionierten Instituten zur Zeit gegeben wird. Es gibt rund ein Dutzend deutschsprachiger Schauspielschulen, die Hoch- oder Fachschul- – charakter haben. Aber erst im November 1963 traf sich einmal eine repräsentative Auslese ihrer Dozenten zu einer Arbeitswoche, die auf Einladung der Essener Folkwang-Hochschule und mit Unterstützung des Deutschen Bühnenvereins in der Werdener Abtei bei Essen veranstaltet wurde. Das bedeutsamste Ergebnis dieser gleichsam konstituierenden Versammlung bestand in der Einladung an die Privatlehrer, ihre fertigen Schüler künftig den Hoch- und Fachschulen zur gemeinsamen Prüfung zuzuführen. Wenn dieser Vorschlag Bühnenrecht würde – und er scheint von den Theaterverbänden akzeptiert zu werden –, dann wäre zwar immer noch keine gesetzliche Regelung, aber doch mehr Klarheit für das Prüfungswesen gewonnen, das augenblicklich deutlich im argen liegt.

Ob jemand begabt ist oder ob ihm abgeraten werden soll, den Beruf des Schauspielers (oder Sängers) zu ergreifen, darüber befinden die paritätischen Kommissionen der Bühnengenossenschaft und des Bühnenvereins in der Eignungsprüfung. Ihr kommt vorwiegend soziale, berufsberatende Bedeutung zu. Nach der Hälfte der Ausbildungszeit dient eine Zwischenprüfung vor denselben Kommissionen hauptsächlich dazu, die Privatlehrer zu kontrollieren. Bemerken die Prüfer, daß ein Talent sich zurückentwickelt oder in einer falschen Methode festgefahren hat, dann bedeutet das negative Urteil der Kommission auch nicht viel mehr als einen Rat: Wechsle den Lehrer oder gib auf! Ein Zwang kann in dieser Hinsicht nicht ausgeübt werden.

Die wichtigste und umstrittenste ist die Abschlußprüfung. Von manchen Schülern wird sie doppelt abgelegt: an ihrer öffentlichen Schauspielschule, um deren Abgangszeugnis zu erhalten, und vor den paritätischen Kommissionen der Theaterverbände. Voraussetzung für ein Bühnenengagement ist rechtlich weder das eine noch das andere Examen.

Würden jedoch Bühnenverein und Genossenschaft je zwei Vertreter in die Prüfungsgremien der Hochschulen entsenden, würden die staatlichen und kommunalen Schauspielschulen also die Abschlußprüfungen in ihren Apparat übernehmen und müßte sich auch jeder Privatschüler als externer Prüfling diesem Kollegium stellen, dann dürfte man zwei Fortschritte erwarten: Nachdem eine stattliche Anzahl ungenügend ausgebildeter Privatschüler durchgefallen ist, müßten ihre Lehrer sich in ihrer Methodik umstellen oder ihre Tätigkeit aufgeben. Zum andern könnten die öffentlichen Schauspielschulen als Prüfungsstätten für den gesamten Bühnennachwuchs wahrscheinlich mit Hilfe der Länderregierungen, unter deren Aufsicht sie arbeiten, im Laufe der Zeit auch eine gesetzliche Regelung der Schauspielerausbildung vorantreiben.