Von Bernd Huffschmidt

Zur gleichen Zeit, als der deutsche Entwicklungsminister Scheel vor einigen Wochen im indischen Hüttenwerk Rourkela der Fundierung des vierten Hochofens beiwohnte, mußte einer der drei bereits seit Jahren unter Feuer stehenden Hochöfen gedämpft werden. Nicht weil eine technische Überholung notwendig geworden wäre, sondern einfach deshalb, weil die Disziplinlosigkeit der Arbeiter das volle Ausfahren des „modernsten Stahlwerks Asiens“ unmöglich machte.

Der indische Generalmanager des Werkes, S. T. Raja – übrigens der sechste Chef des Unternehmens seit seinem Bestehen – erzählt, daß zeitweise vierzig Prozent der Arbeiter nicht an ihren Plätzen erscheinen. Der Ausfall von einem Viertel der rund 14 000 Mann ist fast normal. Ein deutscher Ingenieur berichtet, daß er bei einem Kontrollgang während der Nachtschicht an einer Arbeitsstelle die gesamte Belegschaft – zehn Mann und einen Meister – schlafend angetroffen habe. Die Ruhestörung wurde mit Murren quittiert.

Die Gründe hierfür scheinen in erster Linie an der unzureichenden Hilfestellung seitens der Regierung in Delhi zu liegen. In Rourkela wird die Ansicht vertreten, daß es Sache der Zentralregierung oder zumindest der Landesregierung in Orissa sei, das gewerkschaftliche Tohuwabohu zu beseitigen. So sollte die Regierung darauf hinwirken, daß an Stelle von vier Gewerkschaften nur eine Gewerkschaft als Gesprächspartner der Unternehmensleitung autorisiert wird.

Heute überbieten sich die vier Gewerkschaften gegenseitig an phantastischen Forderungen. So forderte beispielsweise eine der Gewerkschaften kürzlich statt des heute geltenden vierzehntägigen Urlaubs dreißig bezahlte Urlaubstage im Jahr. Sobald die Werksleitung nun glaubt, mit einer Gewerkschaft zu einer vernünftigen Absprache gekommen zu sein, meutern die anderen und stellen ihrerseits unannehmbare Forderungen.

Der zweite Wunsch der technischen Werksleitung an die Regierung ist eine größere Handlungsvollmacht für das deutsche Team. In dem von den Engländern in Durgapur errichteten Hüttenwerk ist kürzlich ein Engländer zum Generaldirektor mit entsprechenden Vollmachten bestellt worden. Wenn Delhi sich dazu verstehen könnte, auch die Leitung von Rourkela wenigstens vorübergehend in die Hände deutscher Techniker zu legen, würden sich die unbefriedigenden Verhältnisse wahrscheinlich bald ändern.

Der deutsche Generalsuperintendent von Rourkela, Dr. Fritz Peters, der bis vor kurzem zweiter Mann im Hüttenwerk nach Raja war – er ist inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt –, vertritt die Auffassung, daß man in Bonn leider davor zurückscheut, mit den Indern eine deutliche Sprache zu sprechen. In Deutschland sollte eine Stelle geschaffen werden, die sich ausschließlich mit den vielfältigen Problemen in Rourkela zu befassen habe. Es könnte dann nicht vorkommen, daß wichtige Posten wie beispielsweise der des Walzwerk-Chefs, unbesetzt bleiben. Dem ist hinzuzufügen, daß bisher auch noch kein deutscher Nachfolger für Dr. Peters gefunden worden ist.