R. B., Berlin, im Januar

Walter Ulbricht hat in den letzten Tagen eine kleine Brieflawine ausgelöst. Er schrieb dem Bundeskanzler, sein amtierender Ministerpräsident dem Regierenden Bürgermeister, sein Minister für außen- und innerdeutschen Handel dem Bundeswirtschaftsminister. Der Zweck all dieser Botschaften: Ostberlin meint, es sollten nun endlich die korrespondierenden Persönlichkeiten von West und Ost miteinander Kontakt aufnehmen, und zwar ohne damit gleich die Frage der gegenseitigen Anerkennung zu stellen.

Woher aber kommt es, daß all diese Initiativen fehlschlugen? Wohl daher, daß diese Briefe durchweg zu naiv sind. Wer sollte auf sie eingehen, wo sie immer nur Forderungen enthalten und keine Gegenleistungen bieten?

Vielleicht aber fällt es Ulbricht eines Tages ein, mit konkreten Vorschlägen zu kommen. Es könnte ihm beispielsweise jemand nahelegen, einen Brief mit dem Angebot einer beiderseitigen Total-Amnestie für politische Häftlinge zu schreiben. Auf diesen oder einen ähnlichen Fall sollte sich die Bundesregierung einstellen.

Die Kommunisten fangen an, sich Gedanken darüber zu machen, warum sie immer die Dummen sind. Es könnte sein, daß sie eines Tages mit einem Schachzug aufwarten, der Bonn eine Entscheidung aufzwingt.