WESTDEUTSCHER RUNDFUNK

Samstag, den 18. Januar, das Hörspiel:

Bis eben habe ich ja gar nicht gewußt, daß unsere Verfassung für nichtig erklärt wurde“, sagt der Angeklagte Mewis. „Unsere bisherige Verfassung“ korrigiert ihn sein Richter. Insoweit spielt dieses gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk produzierte Hörspiel von Kay Hoff beinahe noch in der Gegenwart. Auch im übrigen bietet dieses Spiel zwar Zukunft, aber keine Utopie, zu deutsch kein „Nirgendwo“, sondern den Zustand, in dem die Bundesrepublik Deutschland sich befindet, wenn die Notstandsentwürfe Gesetz geworden sind.

Ein seltsames Pfeifen reißt Herrn Mewis mitten in der Nacht aus dem Schlaf; er weckt seine Frau, sie glauben, das Geräusch komme aus der Heilung, doch das Pfeifen schrillt über die ganze Stadt: Alarm. Mewis, der politisch ahnungslos in den Tag lebte, verläßt die Wohnung, um zu erfahren, was geschehen sei, und wird mit der neuen Wirklichkeit des Notstands konfrontiert. Sein Hausverwalter ist Luftschutzwart mit Kommandogewalt, und bis Mewis ein wenig von der neuen Lage erfaßt hat, hätten er selbst, seine Frau, seine Kinder in getrennten Transporten die Stadt verlassen müssen. Zu spät.

Die durchnumerierten Menschen der Stadt, die Kinder mit ihren Erkennungsmarken sind evakuiert, Mewis befindet sich in dem Haus, wo seine Wohnung nicht mehr sein darf. Und darum muß er vor das Standgericht wegen „unbefugten Betretens eines geräumten Hauses“. Seines Hauses. Mewis sagt: Meine Wohnung, meine Frau, meine Kinder. Der Richter erläutert: „Ihre bisherige Wohnung, ihre bisherige Frau, ihre bisherigen Kinder.“ Elf Personen hatte der Richter – ein freundlicher Alltagsmensch, jedoch mit Notstands-Befugnissen – in wenigen Stunden schon wegen des gleichen Deliktes hinrichten lassen. Mewis wäre der zwölfte, wenn nicht die Entwarnung ertönte: der Alarm war nur eine Übung, eine blutig-ernste Übung.