Dieser Erzähler, so schreibt der Kritiker Reich-Ranicki, ist ein geborener Sprinter-, der sich in den Kopf gesetzt hat, er müsse sich auch als Langstreckenläufer bewähren. Er schreibt das in seinem Buch „Deutsche Literatur in West und Ost“, und der gemeinte Erzähler bin ich. So versetzt auf die literarische Aschenbahn, für die kurze Strecke zugelassen, für die längere Distanz ungeeignet, also eher Armin Hary, als Emil Zatopek, bleibt mir natürlich nichts anderes übrig, als, dem Bild entsprechend, Reich-Ranicki selbst in der Rolle des weißgekleideten Zielrichters zu sehen, des Maß- und Zeitnehmers, mit der Stoppuhr in der Hand, von erhöhtem Sitz (der wirklich sogenannten Hühnerleiter) das Finish der Autoren verfolgend, die dem Zielband entweder entgegensprinten oder entgegenwanken. Das Bild nötigt mich, den Kritiker in der literarischen Arena neben dem Ziel zu vermuten, ausgerüstet mit allen Hilfsmitteln zur Bestimmung des Siegers, zur Ermittlung der Placierten, zur Disqualifizierung der Unlauteren, wobei er in Zweifelsfällen das Los entscheiden läßt oder die Zielphotographie oder auch die Wahrheit. Einsprüche gegen die Entscheidungen des Zeitnehmers gelten im allgemeinen als verpönt, mitunter als arglos, meistens als müßig.

Doch von Zeit zu Zeit, meine ich, sollte man auch als Betroffener fragen, welche Maße und Maßstäbe es denn sind, die vom Zielrichter angewendet werden, wie er zu Urteilen gelangt, wie er seine Entscheidungen begründet. Die Frage also, die immer neu gestellt werden sollte, ist die Frage nach der Gültigkeit und Zulänglichkeit des kritischen Bestecks, und zwar mit Berücksichtigung des Kritikerstandpunktes, der ja durchaus sehr verschieden sein kann: etwa als Kunstrichter, der von einer philosophischen Ästhetik ausgeht (Kant), als Grenzrichter, der die Künste durch ihren Unterschied bestimmt (Lessing), als Richter der „Konstruktion und Erkenntnis des Ganzen“ (Schlegel) oder als zeitgenössischer Zielrichter im Stadion der Literatur.

Obwohl Reich-Ranicki bereits mit der Auswahl der porträtierten Schriftsteller ein Urteil abgegeben hat, das ihn als Kritiker bezeichnet, läßt sich hier noch keine vollkommene grundsätzliche Einstellung erkennen. Das Prinzip der Auswahl ist jeweils nur unter Vorbehalt kritisierbar, nicht zuletzt deshalb, weil Vollständigkeit noch lange keinen Schutz gegen Irrtümer bietet. Außerdem spielen Zufall, Zeit und die persönliche Lage des Kritikers eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nein, in dieser Hinsicht ist der Kritiker in ähnlicher Lage wie der Autor: Woran man sich halten sollte, ist das Begangene, weniger das Unterlassene, ist der vorgelegte, nicht der erwünschte Text. Wir haben uns also für den Prozeß zu interessieren, der seinen Gang nimmt, sobald der Kritiker Reich-Ranicki einen gelesenen Text in Schlegelschem Sinne „wiederkäut“.

Und der erste Eindruck, den man bei der Lektüre seines Buches erhält, läßt Reich-Ranicki als einen Kritiker erscheinen, der es sich herausnimmt, Fragen von unerträglicher Schlichtheit an die Literatur zu stellen: Was, wozu, wie? Das mag befremdlich oder unzeitgemäß wirken – ich jedenfalls möchte dem Kritiker solch ein Recht keineswegs bestreiten. Wer Einblicke gewähren will – und Reich-Ranicki will es –, der kommt um solche Fragen nicht herum, der muß sichergehen. Ich habe eine Schwäche für elementare Vergewisserungen, denn vom Spiralnebel hören wir ja genug.

Freilich reichen diese Vergewisserungen nicht aus. Ein Rezensent muß sich außerdem seiner kritischen Methoden sicher sein, seines kritischen Systems, seiner ordnenden, erregenden oder sogar produzierenden Maßstäbe, und in dieser Hinsicht, scheint mir, läßt Reich-Ranicki an vorhandener oder vorgegebener Sicherheit kaum etwas zu wünschen übrig.

Wie aber wendet er seine kritische Methode an? Der zweite Eindruck zeigt Marcel Reich-Ranicki als einen Kritiker, der an einen Autor herangeht wie an eine verschlossene Tür, die er mit einem wirksamen Schlüsselwort oder Stichwort öffnen möchte. Er braucht nicht viel, um etwa feststellen zu können: Nossack – Dichter der Katastrophe; Frisch – Dichter der Angst; Bachmann – Dichterin der Widersprüche; Böll – Dichter der unbewältigten Gegenwart. Solche Feststellungen erfolgen ebenso verblüffend wie geschwind, beziehen sich meist auf ein Zitat und haben insofern etwas für sich, als sie ein erleichterndes Etikett liefern. Als Urteil jedoch halte ich solche Feststellungen nicht nur für vorschnell, sondern auch für beliebig austauschbar und mitunter für sachlich falsch – wie etwa im Falle von Max Frisch, der doch wohl, seinem Zentralmotiv nach, weit eher ein Dichter der verlorenen Identität zu nennen wäre. Die Angst mag für ihn ein Anlaß zum Schreiben sein, Motiv ist sie nicht.

Problematischer noch indes als in der Zuteilung eingängiger Attribute empfinde ich die kritische Methode Reich-Ranickis da, wo er Rückschlüsse von einer Romanfigur auf den Autor zieht oder den Autor durch Romanfiguren zu charakterisieren sucht. Er tut es oft. Der „tolle Besitzwunsch Friedrichs“ (aus „Eine unglückliche Liebe“) erscheint dem Kritiker tatsächlich „charakteristisch für das Verhältnis des Schriftstellers Koeppen zum Leben“. Eine Bemerkung Heinz von Cramers in seiner „Kunstfigur“ („,...Handlungen konnte er nur sprunghaft führen, dazwischen baute er notdürftige Brücken ...“) läßt den Kritiker allen Ernstes fragen, ob „wir es hier etwa mit einer plötzlichen Selbsterkenntnis des Schrift-