Der Tankwart an der Autobahn-Ausfahrt „Limburg-Nord“ läßt „Super-Shell“ in meinen Benzintank fließen. „Wie kommt es“, frage ich dabei naiv wie heimtückisch, „daß drüben auf der anderen Seite das Benzin sechs Pfennig billiger ist?“ Der Mann antwortet brummig: „Das ist ja auch eine markenfreie Tankstelle.“ – „Wieso?“ wende ich ein, „da steht doch die Marke auf dem Schild: touring!“ Der Tankwart bleibt dabei: „Drüben gibt es freies Benzin, und hier gibt es Markenbenzin. Das ist preisgebunden... “ Nur auf die Frage, ob er auch schon „frei“ gefahren und einen Unterschied gemerkt habe, gibt er noch eine klare Antwort: „Einen Unterschied merkt man nicht...“

Ich habe den Unterschied gemerkt. Im Dezember des letzten Jahres tankte ich 390 Liter Super-Benzin. Ich habe mir die Mühe gemacht, in jenem Monat nur „markenfreie Tankstellen“ aufzusuchen. Dadurch konnte ich 27,69 Mark sparen. Denn während ich hier den Liter für 57,4 Pfennig (im Durchschnitt) bekam, hätte ich für Marken-Benzin 64,5 Pfennig ausgeben müssen. Insgesamt sind das 223,86 Mark gegen 251,55 Mark. Und das ist doch wohl ein Unterschied, ob man pro Monat rund 28 Mark (336 Mark im Jahr) in den Benzintank oder in die Sparbüchse steckt.

Diese Rechnung weicht allerdings – das muß man fairerweise sagen – in verschiedener Beziehung von der Norm ab. Nur wenige Wagen haben einen Verbrauch von 12 Litern pro hundert Kilometer, nur wenige Fahrer legen 3276 Kilometer im Monat zurück. Auch ist es fast unmöglich, immer eine „freie“ Tankstelle zu finden, es sei denn, man fährt nur im Ruhrgebiet.

In anderer Beziehung bleibt jedoch alles in der Norm – vor allem beim Benzinverbrauch und bei den Fahreigenschaften des Wagens. Meine 100-PS-Maschine konnte wie immer gejagt werden und fiel in ihren Leistungen nicht ab. Auch Schäden am Motor sind nicht festzustellen. Diese Erfahrung mache ich schon seit sechs Jahren. Seit sechs Jahren tanke ich „markenfreien“ Kraftstoff, wenn auch nur rund 60 Prozent der Gesamtmenge. Es ständig zu tanken (wie im Dezember aus Testgründen), ist in manchen Gegenden Deutschlands und vor allem auf der Autobahn nur mit Umwegen und Zeitverlust möglich, weil dort solche Tankstellen sehr selten sind.

Weshalb sollte auch nicht alles in der Norm bleiben? Die „Freien“ haben ja keine Raffinerie in ihrem Hinterhof stehen. Sie können ihren Brennstoff nur dort beziehen, wo aller Brennstoff herkommt: von den Raffinerien großer bekannter Firmen. Die „Markenfreien“ müssen also logischerweise „Marken“ verkaufen.

Selbst optisch stimmt die Bezeichnung „markenfrei“ in vielen Fällen nicht mehr. Der Volksmund versteht darunter Tankstellen, die ihr Benzin billiger als preisgebundene Marken-Tankstellen verkaufen. Da aber in Deutschland alles aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen seinen Namen oder noch besser seine „Marke“ haben muß, haben inzwischen die Markenfreien ihren Kraftstoff – genau wie die teure Konkurrenz – mit mehr oder weniger phantasievollen Bezeichnungen versehen: Kirol, VK, Frisia (ein Duttweiler-Unternehmen mit eigener Raffinerie), Klaus-Salm, touring und so weiter. Der seltsame Spaß mit der markenfreien Marke geht sogar soweit, daß ich jetzt schnell widerrufen muß: Da ein Teil dieser Firmen ihre Bezeichnungen inzwischen gesetzlich schützen ließ, darf man sie nicht mehr „markenfrei“ nennen.

Und der Tankwart von „Limburg-Nord“ wird Ärger bekommen, wenn er seine Markenkonkurrenz von gegenüber weiterhin „markenfrei“ nennt. Allerdings – das ist für einen einfachen Mann schwer zu begreifen. Heinz D. Stuckmann