Von Peter Grubbe

Afrika hat einen neuen Krisenherd. Genau einen Monat nach den Unabhängigkeitsfeiern auf Sansibar haben afrikanische Sozialisten die von Arabern beherrschte Regierung des Inselstaates gestürzt, den Sultan verjagt, den amerikanischen Botschafter ausgewiesen, Hunderte von Arabern getötet, Tausende in Lager eingesperrt und das Land zu einer „Volksrepublik“ proklamiert.

Sansibar – dazu gehört auch die Nachbarinsel Pemba – liegt vor der afrikanischen Ostküste, siebzig Kilometer von Dar es Salam, der Hauptstadt Tanganyikas, entfernt, wo es in diesen Tagen zu einer Meuterei der „African Rifles“, einer Elitetruppe, gegen ihre britischen Offiziere kam. Sansibar ist etwa so groß wie das Saargebiet und hat gut dreihunderttausend Einwohner; das entspricht der Einwohnerzahl von Mannheim. Es ist der kleinste selbständige Staat Afrikas und das kleinste Commonwealth-Mitglied.

Der Inselstaat lebt von Nelken. Fünfundachtzig Prozent seiner Einnahmen stammen aus dem Export von Gewürznelken. Der Reichtum eines Bürgers wird nach der Zahl der Nelkenbäume gemessen, die er besitzt. Und der bittersüße Geruch der kleinen, grünen Blütenstiele, die überall vor den Hütten trocknen, hängt wie ein dünnes, seidenes Tuch über der Insel.

Vor anderthalb Jahrhunderten führte der arabische Sultan Senid die Nelken auf der Insel ein. Sansibar liegt zwar vor der afrikanischen Küste, wird aber seit Jahrhunderten von Arabern regiert. Die Insel war einer der Hauptumschlagplätze des Sklavenhandels. Noch heute zeigt man den schaudernden Touristen die Verliese, in denen die Neger gefangen gehalten wurden. Und obwohl die Araber inzwischen nur noch knapp ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen, konnten sie ihre Herrschaft über die Insel bis 1964 aufrechterhalten, genauer gesagt, bis zum 11. Januar 1964. Denn die Revolution, die an diesem Tage ausbrach, beendete die arabische Herrschaft.

Die Revolution in Sansibar hat drei Ausgangsherde. Sie ist einmal ein Aufstand der afrikanischen Mehrheit gegen die arabische Minderheit, die sie bisher regierte. Sie ist ferner ein Aufstand der Armen – vorwiegend schwarze Afrikaner – gegen die Reichen – vorwiegend Araber. Und ihr liegen schließlich russische und chinesische Bemühungen zugrunde, Sansibar zu einem Stützpunkt der Kommunisten zu machen.

All diese Antriebskräfte sind nicht klar gegeneinander abgegrenzt. Das zeigt sich auch in den Persönlichkeiten der revolutionären Führer.