Ach Liebste,

Du hättest nicht wegfahren sollen. Im Winter, aus dem Tessin, nach Hamburg – es ist wider die Natur. Obgleich ich natürlich verstehe, daß es Dich hier unten nicht länger gelitten hat. Die Schwalben sind fort, die Schwalben der Weihnachtswoche in ihren Mercedeswagen – und was bleibt? Die Blätter sind längst gefallen, die scharfe Kontur der hochkomfortablen Sackgasse, in der wir hier leben, steht demaskiert. Es ist nichts für eine junge Dame gleich Dir, höchst erfreulich anzusehen und höchst gebildet (erwähntest Du nicht sogar etwas von einem philosophischen Doktorat?), Repräsentantin Deiner rüstigen und sachlichen Generation, und fünfundzwanzig Lenze jung, wie man blumeranterweise in meiner Generation oder doch wenigstens in der meines Vaters zu sagen pflegte – und hast Du Dir einmal in einer müßigen Sekunde ausgerechnet, wie viele Jahre Du zu leben haben wirst, bevor Du auch nur halb so alt bist wie ich (dieses Leben auf meiner Seite auf so lange Frist hinaus einmal als Hilfs-Hypothese vorausgesetzt)? Ich rechnete es mir aus, als ich nach Deiner Abreise unlängst (in Deinem nie gewaschenen kleinen Sport-Coupé) schlaflos zu Bett lag. Wenn Du um sechzehn Jahre älter bist als heute, werde ich doppelt so alt sein, immer noch. Es ist – wie nennen sie es in jener Zeitung dort oben, in Deinem Hamburg? Es ist eine Logelei. Ein Geheimnis zwischen mir und der Mathematik. Denk bitte darüber nach.

Weg bist Du also, mein inneres Auge (wie unsereiner damals zu sagen pflegte) sieht Dich im pelzverbrämten Wintermantel zwischen Elbbrücken und Schöner Aussicht irgendwo, in jener naßkalten Luft, die mörderisch für die Lungen ist (aber was ficht Dich das an!), doch hochbekömmlich für Deinen Teint – und ich? Außer den Eingeborenen, die seit Fortzug der Schwalben die national-trotzige Fiktion haben fallen lassen, als verstünden sie kein Deutsch, hat es hier nur mehr die permanenten Zugereisten. Eben uns Sackgassen-Existenzen also – und mit wem soll man reden, um Gottes willen, da man doch mit seinesgleichen nicht reden kann?

Du kennst die paar sozusagen noch Wirklichen, die es hierher verschlagen hat. Der haarscharf an der Literatur vorüber weltweit Vergoldete in seinem Haus am See – worüber spreche ich mit ihm, da ich ein alkoholischer Laie bin? Der Nonkonformist dort oben in jenem Seitental käme eher noch in Betracht – aber wer spricht konfliktlos mit einem noch jungen Mann, der eine große Zukunft hinter sich hat? Der andere, ältere wieder (auch keiner, mit dem man gut Kirschen ißt), weilt im Augenblick gar nicht im hiesigen Literaturcafe; das bundesdeutsche Außenministerium hat ihn uns temporär entrafft, für eine asiatische Propagandatour – wobei er satirische Verse liest, während eine echt bayrische Schuhplattlertruppe dem Fernen Osten ad oculos demonstriert, was deutsche Kunst ist. Bliebe allenfalls noch jener Parodist, aber mit ihm bin ich zerstritten – wer ist es nicht? Nicht einer unter ihnen allen ist mir auf eine subtilere Weise widerlich.

Kurzum – keiner, mit dem man sprechen kann; und das einzige Mädchen von einiger Intelligenz mir nach Hamburg entronnen. Da hast Du die nackte Wahrheit meiner Situation. Ich habe heute das wohlverschnürte Paket mit meinen Tagebüchern zur Bank getragen und ad calendas graecas deponiert, in der größenwahnsinnigen Illusion, es könnte sich vielleicht doch noch später einmal ein Kuriositätensammler für sie interessieren. Ich selbst fühle mich nach diesem Akt der Selbstbestattung sonderbar gewichtslos. Verpflichtungslos. Wenn Dich die makabre Metapher nicht abstößt: zum Gespenst verjüngt.

Ist man das einmal, so findet man sogar schon wieder para-intellektuell erfreulichen Umgang. Mit dem gloriosen Stehgeiger etwa, der hier seine Villa hat. Mit dem Filmregisseur, der seine Skurrilität pflegt wie einen Zimmerkaktus. Mit dem illustrierten Dichter, der uns demnächst mit einem größeren Posten Meisterromane erfreuen wird. Du siehst, mit diesen Gestalten zu scharmutzieren, ist eine Lust.

So geht man hier glanzvoll vor die Hunde. Hast Du Italo Svevo gelesen? Wahrscheinlich nicht, da er vor 1947 geschrieben hat. Sein Roman hieß „Senilità“. Sein Freund James Joyce übersetzte das „A man is getting on“. Das ist es, Liebste: Da sitze ich, Literatur begraben, Blütentraum ungereift, und, siehst Du, I’m getting on. Genug. Schluß. Abgeklärt. Weise. Gütig. Kurzum: I’m getting on!