De Gaulles China-Politik erschüttert die Allianz

Es ist gerade ein Jahr her, seit der deutschfranzösische Freundschaftsvertrag abgeschlossen wurde, dessen wesentlicher Zweck die Festlegung der Konsultationspflicht zwischen den beiden Ländern war. So ist denn die Ankündigung de Gaulles, er werde diplomatische Beziehungen mit Rotchina aufnehmen – ein umstürzender, die Allianz in Frage stellender Entschluß, der ohne jegliche Konsultation erfolgte – eine recht originelle Jahresgabe zum ersten Geburtstag des Elyseé-Vertrages.

"Originell oder nicht", so meinte neulich ein Realpolitiker im Gespräch, "das Beste an diesem ganzen Vertrag ist doch, daß der General sich nicht an ihn hält. Stellen Sie sich mal vor, der hätte uns konsultiert, wir wären doch in Teufelsküche gekommen."

In der Tat, wir wären in eine höchst peinliche Lage gegenüber Washington oder Paris oder auch gegenüber beiden geraten. Und diejenigen, die vor der Unterzeichnung des deutsch-französischen Vertrages jegliche Warnung, wir könnten uns zwischen zwei Stühle setzen, als absurd vom Tische wischten, mit der Begründung, wir ließen uns vor keine Wahl stellen (die Alternative Washington–Paris existiere gar nicht), die hätten die Quittung für ihre damalige Sorglosigkeit bereits in der Tasche.

Die inneren Stimmen des Generals

Washington hat Paris wissen lassen, daß die Anerkennung Pekings die USA schwer treffe. Kein Wunder, denn der Korea-Krieg liegt kaum ein Jahrzehnt zurück, und schließlich fließt in Vietnam seit Jahren das Blut amerikanischer Soldaten im Kampf gegen die von Peking unterstützten Kommunisten. Was würden wir wohl sagen, wenn unsere Freunde, die Italiener, ohne sich mit den Partnern der Allianz abzusprechen, diplomatische Beziehungen zu Ulbricht aufnähmen mit der Begründung, die Bonner Politik sei in eine Sackgasse geraten und es tue ihr nur gut, wenn ein bißchen Bewegung in du ganze Sache käme?

Der Vergleich sei schief? Keineswegs, Washington, das 1955 einen Verteidigungspakt mit Formosa geschlossen hat, gab im August 1958 eine Erklärung ab, "warum die USA Volks-China nicht anerkennt". Darin heißt es, Formosa repräsentiere "die allgemein als rechtmäßig anerkannte Regierung Chinas". Und weiter: "Die Anerkennung des kommunistischen China durch die Vereinigten Staaten würde diese Regierung ernsthaft schwächen, wenn nicht sogar völlig vernichten ..."