Geschichte und Geschichten um Frauen und Günstlinge

Daria Olivier: Elisabeth von Rußland, Neff-Verlag, Wien, 360 Seiten, 19,80 DM.

Russische Geschichte liest sich streckenweise wie eine Mischung aus sex and crime. Empfindsame abendländische Seelen kommen aus dem Kopfschütteln nicht heraus, wie bei so viel Liebe, Alkohol und Intrige überhaupt noch Zeit bleiben konnte für die Politik.

Wer eine russische Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts schreibt, gerät gewiß in die Versuchung, Politik und Klatsch zu vermengen. Daria Olivier ist dieser Versuchung entgangen. Nicht, daß sie ihre Personen idealisiert, aber sie trennt säuberlich das Private vom Offiziellen. Mit anderen Worten: sie schildert Peter den Großen als Politiker und erwähnt – beiläufig –, daß er trank. Sie macht aus ihm aber keinen politischen Trunkenbold.

Die Nachfolger bis zum Jahre 1741 wurden allesamt Opfer der alten Günstlingswirtschaft am Petersburger Hof. Es war weniger wichtig zu wissen, wer gerade auf dem Thron saß, als Ratgeber und Liebhaber zu kennen. Der offene Intrigant Menschikow, der Bochumer Pfarrersohn Ostermann, ein kluger Taktiker, der aufrechte Oldenburger Münnich und der aus westfälischem Geschlecht stammende, hochmütige Kurländer Bühren machten die Politik jener Jahre hinter den Kulissen, abwechselnd, miteinander und gegeneinander.

Draußen im Land und erst recht bei Hofe wuchsen Neid und Mißgunst gegenüber dem deutschen Einfluß, obwohl die Deutschen, wie Daria Olivier eindrucksvoll schildert, in den dynastischen Ränken fast das einzige Element der Kontinuität waren. Die antideutsche Stimmung nutzte Elisabeth, die jüngste Tochter Peters des Großen, aus. Sie hatte an den laufenden Intrigen nur selten teilgenommen und sich durch ihre Schönheit und ihr freundliches Wesen bei den Russen für die Rolle des „Mütterchens“ empfohlen. Im Jahre 1741 bestieg sie, unterstützt von der Garde, den Thron in Petersburg.

Man war in Rußland durch die Herrscher seit Peters Tod nicht eben verwöhnt, und so mochte die Regierung Elisabeths als eine Zeit der Ruhe oder gar der Nachblüte erscheinen. Im Innern tat die Zarin manches für die Künste und Wissenschaften. Sie gründete 1755 die erste russische Universität in Moskau und holte aus dem Westen Lehrer ins Land. Es bleibt aber unsicher, wie groß ihr eigener Anteil an dieser Politik war – Daria Olivier schätzt ihn wohl etwas zu hoch ein – und ob nicht auch ihre Entscheidungen aus dem Hintergrund getroffen wurden, vom Kanzler Bestushew und den Brüdern Schuwalow vor allen. Außenpolitisch kämpfte Rußland mit Frankreich und Österreich im Siebenjährigen Krieg gegen Preußen. Da „Rußland weder unmittelbar interessiert noch betroffen“ war, will es Daria Olivier scheinen, als habe Elisabeths Abneigung gegen die Deutschen den Ausschlag gegeben, ein Gefühl, das auch der Autorin selbst nicht fremd ist, malt sie doch die Politik Friedrichs II. in recht düsteren Farben.