In Washington gibt es einen Verein zur Überwindung der Angst vor dem schwarzen Nachbarn. Sein Name: „Nachbarn e. V.“ (Neighbors Inc.). Und obwohl die politische Unschuld der Organisation in ihrem Bemühen um eine stabile Integration wohl nur von einem hysterischen Robert Welch (siehe ZEIT Nr. 1/64) angezweifelt werden kann, heißt es in einem Aufklärungsblatt ausdrücklich: Der Nachbarn-Verein steht nicht auf der Liste der subversiven Organisationen. Fast entsteht der Eindruck, als müßte jeder, der sich darum bemüht, die Bürgerrechte konsequent durchzusetzen, erst einmal beweisen, daß er auf keinen Fall Kommunist sei.

„Nachbarn e. V.“, diese für nachbarliche Tugenden kämpfende Organisation, möchte den Bewohnern aller amerikanischen Großstädte die Furcht vor der Rassen-Integration nehmen. Der Verein befaßt sich mit dem – nach Kennedys Klassifizierung – zweitgrößten innenpolitischen Problem der Vereinigten Staaten; mittlerweile hat er mit einem Mindestaufwand an Ideologie und Theorie eine sehr positiv beachtete Arbeit geleistet.

Die Schwierigkeiten, mit denen die weißen Bewohner des nordöstlichen Washington zu kämpfen haben, sind heute jedem Amerikaner geläufig: Bewohner bislang rein weißer Stadtbezirke, Blocks oder Straßen wissen, daß eine schwarze Nachbarschaft das „Wohnprestige“ automatisch abbaut, und sie glauben, der Zuzug von Farbigen senke notwendigerweise auch das Bildungsniveau in den Schulen, sie fürchten, der Wert ihres Besitzes könne beträchtlich fallen, und sie werden schließlich von der Vision geplagt, als letzte weiße Familie in einer „schwarzen“ Umwelt zurückzubleiben. Durch regelrechte Panik-Kampagnen geschickter Grundstücks- und Häusermakler wird diese Angst noch gesteigert und läßt die Integration zur Zwischenstation auf dem Wege in neue „Gettos“ werden. In Washington ist dies besonders deutlich zu erkennen. Statt stabile, integrierte Wohneinheiten zu bilden, ziehen die Weißen weit in die weißen Vororte hinaus, überlassen den Farbigen die Innenstadt, deren Bevölkerung heute schon zu über 65 Prozent aus Farbigen besteht und in deren öffentlichen Schulen nur jedes vierte Kind weiße Eltern hat.

Mit der Entscheidung des Obersten Gerichtes der Vereinigten Staaten aus dem Jahre 1948, die besagt, daß die Vertragsklauseln, Gebäude und Grundstücke nicht an Farbige zu verkaufen, rechtlich irrelevant seien, ist eine Schranke der räumlichen Integration beiseite geräumt worden. Rücksichtslose Makler begannen daraufhin mittels einer besonderen Technik, in von Weißen bewohnten Stadtvierteln Panik hervorzurufen und an dieser Panik viele Hunderttausende Dollar zu verdienen.

Ihre Technik ist das sogenannte „block busting“: rein weiße Wohnbezirke werden gesprengt, indem man Farbige einschleust. Der Makler sucht weiße Wohnbezirke nach Verkaufsangeboten ab. Er kauft ein Haus und verkauft es zu einem Spottpreis an Farbige aus der untersten Einkommensstufe weiter. Nicht selten versuchen dann die Weißen, mit Gewalt den Einzug einer solchen „asozialen“ farbigen Familie zu verhindern. Gelingt dies nicht, so wird die eingeschleuste Familie wegen ihres geringen Einkommens oft nicht in der Lage sein, Haus und Grundstück in Ordnung zu halten. Sie wird Untermieter aufnehmen müssen (die ihrerseits wiederum kaum etwas verdienen) und auf diese Weise ihren Nachbarn neuen Grund zur Klage bieten. In vielen Fällen genügt aber allein das bloße Vorurteil der weißen Bevölkerung gegenüber ihrem schwarzen Nachbarn, um den Verlockungen des Maklers zu erliegen. Dieser bietet den Weißen „günstige Barzahlungsgeschäfte“ an: „Solange noch Zeit ist!“ „Die Nachbarn werden Sie im Stich lassen, alle anderen verkaufen schon“. Und es wird verkauft – zu einem Preis, der erheblich unter dem Schätzwert der Häuser und Grundstücke liegt. Die nunmehr in größerer Zahl einziehenden Farbigen müssen dem Makler einen Ratenpreis zahlen, der überhöht ist; denn große Auswahl haben sie nicht. (In Washington gibt es kaum ein Miethaus, das Wohnungen an farbige Familien vermietet.)

Beim „block busting“ werden sowohl der weiße Verkäufer wie der schwarze Käufer regelrecht ausgenommen, beide verlieren beträchtliche Summen. Die Makler reiben sich die Hände. Als der Journalist Marvin Caplan sich 1958 mit seiner Familie im Nordosten Washingtons ansiedelte, war die Umwandlung des zuvor rein weißen Wohnbezirkes in vollem Gange: Die Weißen verkauften, als wäre in der Gegend eine ansteckende Krankheit ausgebrochen. Die hinzuziehenden Farbigen wurden mit großem Mißtrauen empfangen, zu ihrer Eingliederung in die weiße Gemeinschaft wurde nichts unternommen, weder die Kirchen noch die Geschäftsvereinigungen kümmerten sich um das Problem „wechselnder“ Straßen und Blocks. Eine Vertretung der Farbigen in der Versammlung der Bürger des Bezirkes wurde durch hartgesottene Segregationisten verhindert. Marvin Caplan und eine Handvoll Gleichgesinnter beschlossen, dem allmählichen Verfall der Wohngemeinschaft nicht länger tatenlos zuzusehen und sich in einer interrassischen Vereinigung gegen Vorurteile, Angst und die Panik-Kampagnen der Makler zu verbünden.

„Neighbors Inc.“ wurde gegründet. Einige hundert Farbige und Weiße waren die ersten Mitglieder.

Die selbstgestellte Aufgabe der „Nachbarn“ kann durchaus in der Terminologie der, herkömmlichen Kleinbürger-Idylle beschrieben werden: Es gilt, darauf zu achten, daß die Häuser in Stand gehalten, daß die Vorgärten und Rasen gepflegt werden, daß sich die Nachbarn um freundschaftlichen Kontakt miteinander bemühen, kurz: alle diese Dinge gilt es zu unterstützen und zu fördern, die die Tugenden eines guten Nachbarn ausmachen. Der Nachbarschaftsverein, dem von den 35 000 Einwohnern des nordöstlichen Washingtons heute ein volles Tausend als Mitglieder angehört, hat einen Beratungsdienst und eine Vermittlungsstelle für alle jene eingerichtet, die Häuser verkaufen oder kaufen wollen. Auf diese Weise versucht man, solange gesetzliche Bestimmungen dem „block busting“ keine Schranken setzen, unseriöse Makler aus dem Geschäft herauszuhalten. Die „Nachbarn“ beschränken sich aber nicht nur auf den Beratungsdienst. Selbst eine logische Argumentation kann Vorurteile nicht beseitigen. Es kommt ihnen vor allem darauf an, ein gutes Beispiel gesunder Nachbarschaft zu geben. Dieses Beispiel soll so überzeugend demonstriert werden, daß die weißen Vororte sich für Farbige öffnen, ohne daß eine Flucht vor den Farbigen einsetzt. Es sind die kleinen Dinge des Alltags, die auf die Dauer überzeugend wirken: Der nachbarliche Frühlingsputz, das Gespräch über den Gartenzaun, das Schwätzchen am Feierabend, die gegenseitige Hilfe in Familienangelegenheiten, baby-sitting bei den Kindern nebenan. In diesem Sinne versuchen die „Nachbarn“ den Menschen in ihrem Stadtteil das Bewußtsein zu geben, eine Gemeinschaft zu bilden, die nicht nur im gemeinsamen Gebiet nebeneinander leben muß, sondern deren Teile aufeinander angewiesen sind. Lothar Brock