Mutmaßungen über Autofahrer – Trinker fahren langsam – Geistiges Mittelmaß ist Bedingung

Von Peter Mörser

Es war in einer Nacht gegen vier Uhr morgens, auf der Heimfahrt von einer Party. Die Autobahn war glatt. Nachts kann man, besonders an Wochenenden, oft beobachten, daß man desto langsamer fährt, je betrunkener man ist, von zwei Promille an im ersten Gang. Das Unglück passierte einem der weniger Beschwipsten, dessen Wagen auf der Überholspur das Benzin ausging. Der Arme mußte versuchen, sich nach rechts einzuordnen, solange der Wagen noch rollte, und dabei wurde er von einer im Vollbesitz des Rechts daherkommenden Dame mittschiffs gerammt und quer auf die Bahn gestellt. Die Dame gehörte zu jener Gattung von Gattinnen, die sich nur dann hinters Steuer setzen dürfen, wenn der pater familias Angst vor der Polizei hat. Ihrer Nüchternheit nach zu schließen, hatte sie eine nächtliche Party, auf der ihr Mann tüchtig gefeiert hatte, mit Apfelsaft bestritten. Außer schöner Seele und Blech war nichts zu Schaden gekommen, aber es genügte dafür, daß sich, als ich an der Unfallstelle angelangt war, die Fronten verhärtet hatten. Es waren schon etwa zehn andere Wagen aufgefahren, deren Fahrer alle betrunken waren und entsprechend langsam fuhren. Keiner hatte Schaden genommen. Und dann geschah das Gräßliche: Indes die nüchternen Rohrspatzen noch aufeinander einhackten, hatten zahlreiche trunkene Wichtelmänner die corpora delicti beiseite gehoben, damit den Unfallhergang für ewig verdunkelnd, und waren, ihre Zeugenschaft verweigernd, ins Dunkle verschwunden.

Ich als reiner, moralischer Tor hatte unterdes versucht, zwei Verunfallten die Schwäche ihrer Position mit begütigenden Worten zu erklären. Und nach kaum fünf Minuten hatte ich sie beide gegen mich, nur weil ich zu bemerken gewagt hatte, Blech sei doch so wertvoll nicht. Ehe ich mich’s versah, wurde ich zum Anstifter der entschwundenen Wichtelmänner erklärt und konnte völlig ernüchtert den schwäbischen Gruß nur noch im strafrechtlich irrelevanten Tonfall entbieten und mich in mein Auto stürzen.

Trunkenheit am Steuer, das von jedermann verdrängte Jedermannsdelikt, ist kein Thema, über das man gern spricht. Es gibt Orte und Zeiten in der Bundesrepublik, wo jeder zweite Verkehrsteilnehmer volltrunken ist, und das mit Wissen der Polizei. Wer dies leugnet, wir noch nie auf dem „Dürkheimer Wurstmarkt“ oder auf dem „Münchener Oktoberfest“ und hat noch nie den Kölner Karneval mitgefeiert. Wollte man gegen Trunkenheit am Steuer wirklich präventiv vorgehen, wie das in Schweden geschieht – wo Automobilisten Alkohol grundsätzlich versagt ist –, so würde der Alkoholkonsum schwer erträgliche Einbußen erleiden: Wirtschaftsschäden träten ein, an denen gemessen der von Autofahrern angerichtete Schaden eine Bagatelle ist.

Bedarf es eigentlich solcher Situationen, um der Groteske innezuwerden, welche die vier Buchstaben Auto umrankt? Man kann unmöglich ernsthaft bleiben, wenn man darüber nachdenkt: Ich bin fest davon überzeugt, daß in zwanzig Jahren unser Verhältnis zum Auto so. betrachtet werden wird, wie man heute das Verhältnis des Barockmenschen zur Perücke betrachtet. Das Auto ist weder das schnellste noch das praktischste oder das bequemste Verkehrsmittel, ausgenommen in ländlichen Gegenden und in solchen mit jahrelang planmäßig unterentwickelten öffentlichen Verkehrsmitteln. Und dort ist das eigene Auto in vielen Fällen dann auch das billigste.

Inferno am Sankt Gotthard