Komödie von Molière Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Bearbeitung und Inszenierung: Fritz Kortner – hinter dieser Formulierung des Programmzettels verbirgt sich Glanz und Elend eines Regisseurs, der sich und anderen das Äußerste abverlangt. Liest man, gelähmt von dieser auf drei Stunden ausgedehnten Komödienaufführung, im Originaltext nach, was Kortner weggelassen, was er hinzugefügt oder anders formuliert hat, dann kann man eine lange Liste von Einzelheiten zusammenstellen, die lauter unbezweifelbare Verbesserungen enthält. Das Ganze geriet trotzdem zu einer Verböserung Molières. Was mit komödiantischer Brillanz begann, wurde das Opfer einer Ausführlichkeit, die sich nie genug tun kann. Das lachbereite Entzücken der Premierenbesucher schlug um in Ermüdung, die objektiv spürbar wurde als seelische Temperatur des Hauses. Die Ursache für die um sich greifende Langeweile war keinesfalls in schauspielerischer Unzulänglichkeit zu suchen. Der Hamburger Ensemblestamm ist für den „Eingebildeten Kranken“ ergänzt worden durch erste Kräfte aus Berlin, München und Köln (Curt Bois, Carla Hagen, Margaret Carl und Kaspar Brüninghaus). Sogar Spezialisten wurden herangezogen (so Lambert Hamel für den komischen Bräutigamsanwärter Diafoirus). Daraus ergab sich eine Molière-Besetzung, mit der eine maßstäbliche Aufführung zu erreichen gewesen wäre. Erzielt hat Kortner jedoch nur eine Sammlung brillanter Details. Zwischen ihnen knarrten die Scharniere einer eigensinnigen Regisseur-Dramaturgie. Entscheidend mangelte es an mitreißendem Tempo.

Mittelpunkt war Curt Bois. Ein großer Komödiant! Sein Argan war eine über und über pointierte Clownsgestalt. Zwischendurch ließ der Schauspieler auch erkennen, daß der eingebildete Kranke weder krank noch ein Schuft, sondern nur ein armer Irrer ist. Erinnert man sich an Bois unter Kortner in Shaws „Androklus und der Löwe“ (München), so läßt sich ermessen, daß der Zusammenschluß der glitzernden, reich facettierten Spielmittel Bois’ zur tragenden Figur durchaus möglich wäre. Diesem Argan der summierten Episoden zuliebe setzte Kortner jedoch die Gegenspielerin, das Dienstmädchen Toinette, zurück, obwohl Carla Hagen geradezu prädestiniert gewesen wäre zum gleichberechtigten Widerspiel. Überhaupt dämpfte Kortner das Spiel der Frauen, so auch Ella Büchis als Angélique. Bewundernswert waren dagegen einige Männer von der Regie gestützt worden: Josef Dahmen zum Beispiel als Beralde und Kaspar Brüninghaus, der eine Schomberg-Kopie spielen mußte.

Gescheitert ist Kortner in seinem Bestreben, Molière weiterzudichten. Aus einer Andeutung im Text komponierte er mit Teo Ottos szenischer Hilfe einen „Angsttraum“ Argans wie vom Höllen-Breughel: phantastisch, aber ein Bleigewicht. Es ist nicht einzusehen, warum sich die Regie nicht an die Ballett-Komödie gehalten hat. Mindestens das dritte Intermede, die allegorische Doktorpromotion Argans, wäre ein Werkschluß im Sinne des Autors und des Theaters gewesen. Dietrich Haugk hat das mit Wuppertaler Kräften (unter ihnen Bernhard Minetti und Johanna v. Koczian) einmal für die Ruhrfestspiele unvergeßlich inszeniert. Darin war mehr vom Geiste des Barock, und es war zugleich amüsanter als Kortners Stemmarbeit an einem Text, der ihm in Hamburg dann doch in komödiantische Nummern auseinandergefallen ist.

Johannes Jacobi