Hannah Arendts Buch:

Überklugheit verstellte die Erkenntnis

Von Golo Mann

Dem Schwall der Bücher über den Eichmann-Prozeß hat Hannah Arendt neuerdings eine Schrift hinzugefügt, welche zuerst in fünf Artikeln von der satirischen Zeitschrift The New Yorker, danach in Buchform veröffentlicht wurde und nun im Piper-Verlag erscheinen wird Ich las sie im New Yorker. Es ist erstaunlich, wie vollkommen die europäische Philosophin, die uns ehedem so tiefschürfende, schwierig zu lesende Werke schenkte, sich dem Ton der metropolitanen Witzbolde anzupassen verstanden hat; dem trockenen, geschliffenen, gewollt monotonen, konzentrierten und dabei, wirklich oder scheinbar, überausführlich genauen, mit Sicherheit an der Grenze des Zynischen manövrierenden, dem zugleich sachlichen und elbischen Stil, den die Zeitschrift prägte. Ob die deutsche Ausgabe dieser bewundernswerten Leistung von Mimikry gerecht werden kann, weiß ich nicht.

Frau Arendts Buch hat eigentlich drei Gegenstände. Es breitet die Tatsachen der Vernichtung des europäischen Judentums noch einmal vor uns aus; über diese Bemühung ist zu sagen, was die Autorin über den Jerusalemer Prozeß sagt, nämlich, daß sie nichts Neues zutage brachte. Es unterzieht die rechtliche Basis des Prozesses und Urteils einer kritischen Analyse. Und, wie es sich gebührt, stehen im Mittelpunkt Schuld und Charakter des Angeklagten, die hier zum erstenmal richtig erfaßt werden sollen.

Ein Schauspiel nur?

Hannah Arendt mißbilligt die Art der Prozeßführung, den Gedanken, der ihr zugrunde lag, und das eitle, großartig-schauspielerische Gebaren des Staatsanwaltes Hausner. Ein Strafprozeß, betont sie, darf kein großes Schauspiel für die Nation und die Welt sein wollen. Er darf sich auch nicht mit so vagen Dingen wie dem "allgemeinen Bild" oder dem "Hintergrund" befassen. Nichts darf zur Sprache kommen, was sich nicht eindeutig auf die Schuld des Angeklagten bezieht; diese ist von den Leiden seiner Opfer, mögen sie noch so furchtbar gewesen sein, streng zu unterscheiden. Folglich hätten die vielen "Hintergrundszeugen" nicht zugelassen werden, hätten die Leiden des Judentums von Pharao bis Hitler nicht so und soviele Sitzungen in Anspruch nehmen dürfen und auch die Greuel von Auschwitz und Treblinka nicht, weil und insofern sie mit der Schuld des Angeklagten nichts zu tun hatten. Ein Prozeß verlangt Stille, Sachlichkeit, "mehr Kummer als Zorn", die genaueste Isolierung des Tatbestandes. Man durfte nicht gleichzeitig über diesen einen Menschen zu Gericht sitzen und die Welttragödie des Judentums vor einem jüdischen Tribunal zusammenfassend aufführen.