Das Buch eines Mitarbeiters zu rezensieren, ist immer eine heikle Sache. Fällt der Artikel nicht völlig vernichtend aus, und auch das wäre ja immerhin denkbar, so helfen alle Beteuerungen nichts, die Zeitung zieht sich doch den leisen oder lauten Vorwurf der Korruption zu. Schweigt also die betreffende Zeitung in solchen Fällen besser, ganz? Sie erntete damit nur einen anderen Vorwurf: daß sie ihre Mitarbeiter quasi unter Naturschutz stelle. Was dann tun mit einem Buch wie Marcel Reich-Ranickis „Deutsche Literatur in West und Ost“ (R. Piper & Co Verlag, München; 498 S., Ln. 21,80 DM, brosch. 15,80 DM), das in der deutschen Presse bereits so kraß voneinander abweichende Beurteilungen erfahren hat (vergleiche auch „Über die Grenzen literarischer Fehden“ auf Seite 9 dieser Ausgabe)? Wir haben uns in diesem Fall für den Weg entschieden, keinen Kritiker über den Kritiker schreiben zu lassen, also keine Tertiärliteratur zu bieten, sondern einige der Autoren, mit denen sich das Buch beschäftigt, um ihre Meinung zubefragen. Was wir im folgenden und in der nächsten Ausgabe drucken, sind also nicht Literaturkritiken im üblichen Sinn, sondern Äußerungen Beteiligter. stellers Cramer“ zu tun haben. Und Walsers Beredsamkeit wird vom Kritiker zusammengesehen mit Anselm Christlein, in dessen Ergüssen man mitunter „die Redewut des Verzweifelten“ zu spüren glaubt. Sind das kritische Kriterien? Es gibt, wie gesagt, etliche Beispiele solcher Art, in denen der Kritiker Urteile über den Autor fällt, indem er ihn an seinen beziehungsweise durch seine Figuren interpretiert. Was daran besticht, ist die Sicherheit, mit der es geschieht. Allein, ich kann mir nicht die treuherzige Frage verkneifen: Woher weiß der Kritiker das, wie kommt er zu dieser halsbrecherischen Gleichung? Wenn er die alte Schlegelsche Rezensentengleichung im Auge hat, nach der, auf der einen Seite, das philologische Experiment, auf der andern die literarische Recherche stehen muß, so kann ich nur sagen: hier wurde zu kühn recherchiert – und zwar leider auf Kosten des philologischen Experiments.

So sehr die kritische Methode Reich-Ranickis geeignet ist, den gesellschaftlichen, moralischen und politischen Aspekten eines Werkes gerecht zu werden, so sehr fragt es sich, ob sie allemal zu gerechten ästhetischen Urteilen ausreicht. Möglicherweise ist hier dem Kritiker die Gleichartigkeit und Sicherheit seiner Fragestellung im Wege, denn anders lassen sich kaum die kritischen Resultate erklären, zu denen er etwa bei Walser („Ehen in Philippsburg“) oder bei Koeppen (Reisebücher) gelangt.

Schließlich zwingt ein dritter Eindruck bei der Lektüre, den Kritiker Reich-Ranicki tatsächlich in der Rolle des weißbekleideten Zielrichters zu sehen. Seiner im Vorwort genannten Ziele eingedenk, für bessere Bücher und bessere Leser zu sorgen, verteilt er – sozusagen nach dem Rennen – Leistungsprädikate, nach denen unter anderem Koeppen als „der sinnlichste Prosaist unserer Zeit“ erscheint, Neumann als der „ledeutendste literarische Parodist“ und Walser als der „erste deutsche Epiker, der das Kunststick vollbracht hat, keine einzige einigermaßen lebendige und greifbare Gestalt zu schaffen – um doch zu zeigen, daß er zu den Meistern der Psychologie gehört“.

Es kann allerdings nicht verschwiegen werden, daß Reich-Ranicki immer dann, wenn Stilkritik und literarische Recherche im rechten Verhältnis angewendet werden, unerwartete Einblicke gewährt. So sind etwa die Kapitel über Anna Seghers und Gerd Gaiser Musterbeispiele kritischer Darstellung. So halte ich die Porträts von Uwe Johnson, von Zweig und Fühmann für vortreffliche Arbeiten, weil in ihnen gleichsam über eine anregende Mikrologie die Erkenntnis des Ganzen möglich wird. Hier, scheint mir, ist dem Kritiker vollauf das gelungen, was er in einer Vorbemerkung als seine Bemühung ausgibt.