London, im Januar

Ich bin sicher, daß sie in jeder Phase das, was sie als das Beste erachteten, für jene Art von Tory-Partei taten, an die sie glauben. Das tat auch ich.“ Der Satz gilt Harold Macmillan und dem konservativen Einpeitscher Redmayne, die im vergangenen Oktober Lord Home auf den Posten des Premierministers schoben. Dem Nicht-Eingeweihten mag es als milder Satz erscheinen. In Wirklichkeit enthält er eine grimmige Anklage – um so grimmiger, als der Mann, der ihn formulierte, Iain Macleod heißt.

Iain Macleod ist einer von zwei Männern (Enoch Powell ist der andere), die dankend ablehnten, unter dem neuen Premierminister Kabinettsminister zu bleiben. Dies erachtete er als das Beste für jene Art von Tory-Partei, an die er glaubt. Er ist ein Mann ohne persönliches Vermögen, der sich weder auf ein herrschaftliches Gut noch zu kommerziellem Glanz zurückziehen konnte. Er gab eine der mächtigsten Stellungen in der Partei und in der Regierung auf: Er war (gemeinsam mit Lord Poole) Vorsitzender der Tories, war ihr „Leader“ im Unterhaus und bewies soviel Klugheit, Ehrlichkeit und politische Courage, daß er selbst oft genug als der hoffnungsvollste Kandidat um die Nachfolge Harold Macmillans ausgesehen hatte. Dennoch vertauschte Macleod die Pracht seines hohen Postens, die Macht, die ein großes Amt verleiht, mit dem Redaktionsbüro einer kleinen politischen Wochenschrift.

Er sagte einmal von sich: „Ich hatte mehr Spaß vom Leben zwischen dreißig und vierzig als zwischen zehn und zwanzig – und zwischen vierzig und fünfzig habe ich mehr Spaß als je.“ Wieviel Spaß wird er in dem Jahrzehnt haben, das jetzt für ihn begonnen hat: zwischen fünfzig und sechzig?

Die böse Geschichte, wie man in England Premierminister wird, hätte Macleod, seit sechs Wochen Chefredakteur des Spectator, auch jetzt gewiß noch nicht geschrieben, hätte nicht Randolph Churchill sein Büchlein „The Fight for the Tory-Leadership“ veröffentlicht – und wäre nicht Macmillan selbst Churchills wichtigste Informationsquelle gewesen. (Macleod: „Es ist Macmillans Vorspann zum Drehbuch seiner Memoiren“). Der sensationelle Spectator-Artikel aber enthält den Satz: „Das einzig interessante an Churchills Buch ist die Darstellung des Rates den Macmillan der Königin gab; wie er, nachdem er zuerst Hailsham unterstützt hatte, dann zu Home umschaltete; wie er mit der Einsammlung von Meinungen Lord Dilhorn betraute, Lord St. Aldwyn, Lord Poole, Mr. John Morrison und Mr. Martin Redmayne. Acht von den neun im vorigen Satz genannten Männern waren in Eton.“

Diese Worte sind in dem Artikel nicht unterstrichen; aber so sind sie gemeint. Macleod war nicht in Eton. Sein Vater, ein schottischer Arzt, der in Yorkshire praktizierte, hätte ihn nicht hingeschickt, selbst wenn er sich’s hätte leisten können; aber natürlich konnte er es sich nicht leisten. Und das hat ohne Zweifel sehr viel damit zu tun, daß jene Art von Tory-Partei, an die Macleod glaubt, von dem Ideal Macmillans sehr verschieden ist.

Macleod hatte nie daran gedacht, in die Politik zu gehen. Er studierte in Cambridge, ohne sich besonders auszuzeichnen; im Krieg aber zeichnete er sich aus, avancierte an den Stab Montgomerys, nahm an der Invasion in der Normandie teil und kehrte schließlich mit einem Denkzettel heim, der in seinem schleppenden Gang noch immer merkbar ist. Er wußte nicht, was er tun sollte. Vor dem Kriege hatte er sich vor allem als junger Bridgemeister betätigt und unter anderem in einem kleinen Büchlein über Bridge den Satz geschrieben: „Nacht um Nacht diskutierten wir die Lehren von Marx.“ Jahre später zitierten die Sozialisten den Satz immer wieder als großartigen Witz – denn der von Macleod gemeinte Marx war nicht Karl, sondern Jack, ein Londoner Bridgemeister.