Von Peter Hemmerich

Immer stärker zeichnet es sich ab, daß wir in der Entwicklung, die unser Zeitalter nach dem Kriege genommen hat, vor einer Wende stehen: In der hinter uns liegenden Epoche haben sich ökonomischer Fortschritt und kulturelle Restauration anscheinend wechselseitig bedingt. Fragte man sich jedoch, was eigentlich restauriert wurde, so kam. man auf eine mixtura insolvent, die entweder gar keinen, oder aber einen lächerlich utopischen Charakter hat: Ein feste Burg ist unser Gott Europa, in den Grenzen Karls des Sachsentöters, beseelt von der Mentalität des Schulmeisterleins Wuz, barocke Madonnen, das Pfund drei Mark fuffzich, mit Holzwurm Liebhaberpreise.

Da machte sich auch auf Gerhard Szczesny, aus München, und gründete daselbst einen –

„CLUB VOLTAIRE“ – Jahrbuch für kritische Aufklärung I; Gerhard Szczesny Verlag, München; 420 S., 19,80 DM.

Dieser Club enthält vor allem Namen, denn Name ist etwas, woran man auch im Jahre eins nach Szczesny noch glauben darf, und tut man es dennoch nicht, so sind allererst noch die von den Namhaften besetzten Ämter, Lehrstühle und so weiter angeführt, denn so gottlos wird ja schließlich keiner sein, daß er auch an Lehrstühle nicht mehr glaubt. Und der Neid muß es Szczesny zugestehen: die von ihm versammelten halb oder ganz Gottlosen bekleiden aller Restauration zum Trotz höchst namhafte Ämter, Funktionen, Lehrstühle. Und dennoch sind sie unzufrieden! So kommt es dahin, daß nach Szczesnys Worten „deren Wirken die vorgeschobensten Posten westlichen Erkenntnis- und Humanitätsstrebens markiert, sich aber außerhalb der christlichen Vorstellungswelt vollzieht“. Und in diesem ersten Satz tönt nun schon einer jener magischen Begriffe, welche im Katechismus des Unglaubens Dogmen darstellen: Humanität.

Nun spricht es sehr für den Unglauben, daß er der Dogmen nicht entraten kann; leidig ist nur, daß man sich im Club Voltaire schon über die daraus abgeleiteten Vokabeln nicht mehr einigt: Humanes, Humanitäres und Humanistisches werden auf den 400 Seiten von 29 Autoren des Clubs unentwegt verquirlt. Es sind aber Menschbezogenheit und Menschenfreundlichkeit keineswegs per se miteinander verschwistert, im Gegenteil: Die Renaissance war in all ihrer Menschbezogenheit eine ausnehmend inhumane Epoche, soweit man nicht das„errare humanum est“ als Inbegriff des Humanen verstanden wissen will, was wiederum sehr unhumanistisch wäre. Die Dögmatisierung der Humanität verhilft Szczesny zur Begründung einer in Abwesenheit Gottes dringend benötigten Moral, die in jene bürgerlichen Schlösser paßt, welche sich den „Humanisten“ von Machiavell bis Nietzsche verschließen. Damit nicht genug des Paradoxen: „Kritische Aufklärung“ soll nach Szczesny „kein antichristliches Missionsprogramm“ sein. Dennoch aber werden eine Seite weiter sämtliche greifbaren Auswüchse. unseres öffentlichen und halböffentlichen Lebens dem Christentum als solchem zur Last gelegt, während in einem Atem behauptet wird, dieses Christentum sei nur ein Lippenbekenntnis: Kann aber doch nur entweder das eine oder das andere sein. Szczesnys „Anliegen“ nimmt spätestens hier traumatische Züge an.

Wenden wir uns nun dem Club selbst zu, so fällt zuerst die Heterogenität des „Wirkens“ der Neunundzwanzig auf: Brillante Essays finden sich hier neben plumpen Polemiken, hochwissenschaftliche Studien neben traumatischen Ergüssen. Ein nobelgepriesener Club-Autor, P. Medawar, teilt mit, er könne Teilhard de Chardin „nur mit einem Gefühl des Erstickens“ lesen. Ferner steht da: „Ich möchte die törichten Behauptungen (Teilhards), die ich hier umrissen habe, nicht kritisieren.“ Nichts gegen Polemik, aber eine Legitimation der Oberflächlichkeit kann sie nicht sein. Wer Teilhard „abschießt“, darf Julian Huxley nicht leben lassen, denn der hat Teilhard en vogue gebracht: Hier beginnt der Bürgerkrieg im Club Voltaire.