Von Marcel

Den Kulturpolitikern der SED geht es nicht gut: Ihre Ruh ist hin, ihr Herz ist schwer. Denn die Literatur bereitet ihnen Kummer. Die Schriftsteller, die geneigt sind, die Texte zu liefern, die die Partei haben möchte, können leider nicht schreiben. Und die schreiben können, wollen nicht das geben, was die Partei von ihnen erwartet. Sie können zueinander nicht kommen.

Und wenn das Wasser, das sie trennt, besonders tief zu sein scheint, dann greift in der Regel Nationalpreisträger Wolfgang Joho ein, der Chefredakteur der vom Schriftstellerverband der DDR herausgegebenen Monatsschrift Neue Deutsche Literatur. Er schreibt einen Leitartikel und übersetzt den Unmut, die Verdrießlichkeit und den Zorn der SED-Kulturpolitiker in väterliche Belehrungen, Ermahnungen und Rügen. Nicht als Funktionär spricht er, vielmehr als älterer Schriftsteller, der helfen möchte, seine widerspenstigen Kollegen zu zähmen. Was wird ihnen diesmal vorgeworfen?

„Das Kardinalproblem in der gegenwärtigen Etappe“ bestünde darin, erklärt Joho in der Januar-Nummer der Neuen Deutschen Literatur, „Wollen und Können zur Deckung zu bringen“, damit die Literatur ihre Aufgabe „bei der Schaffung einer allseitig gebildeten Nation erfüllen kann“. Das ginge ja so nicht weiter, daß der DDR-Schriftsteller sich fortwährend auf seinen „guten Willen“ berufe, wenn es sich erweist, „daß sein Werk wirkungslos bleibt, die Menschen nicht weiterbringt, sie gar verwirrt und desorientiert“. Peter Hacks und Günter Kunert und einige jüngere Lyriker waren wohl mit dieser Anspielung vor allem gemeint.

Der Mißstand, den Joho beklagt, sei „Folge mangelnder politischer Klarheit, fehlender Einsicht, letztlich also ungenügenden Wissens“ des Autors, der daher „bei der Konfrontation seiner Wunschvorstellungen mit der Wirklichkeit eine Enttäuschung“ erlebe und „ein Zerrbild“ der Verhältnisse in der DDR zeichne oder zeichnen wolle. Knapp und simpel ausgedrückt: Wer die Zustände kritisch darstellt, beweist damit seine Unwissenheit.

Wie aber – möchte ich nun fragen – ist es eigentlich zu verstehen, daß nach achtzehnjähriger Herrschaft der SED, trotz der intensiven und ständigen pädagogischen Arbeit der Partei, trotz der unentwegten Bemühungen des Schriftstellerverbandes um die politische Erziehung seiner Mitglieder, trotz der zahllosen Kongresse, Arbeitstagungen und Theoretischer Konferenzen – daß trotzdem die Schriftsteller der DDR, auch und vor allem die führenden, offenbar immer noch und immer wieder politische Analphabeten sind?

Allerdings ist es Joho bekannt, daß „für die Schaffung von Kunst... politisch richtige Einsichten“ nicht genügen: Er erkennt – und das freut uns – die Notwendigkeit von „Begabung, Intuition und Phantasie“ an. Indes macht er für alles, was er in der Literatur der DDR mißbilligt, die politische Unwissenheit der Schriftsteller verantwortlich. Das hat mit der Wahrheit immerhin einen Berührungspunkt. Denn darauf können wir uns mit Joho schnell einigen: Die DDR-Literatur hat alles in allem versagt. Die wesentlichste Ursache liegt zwar nicht in der angeblichen Unwissenheit der Autoren, hat aber in der Tat mit politischen Umständen zu tun.