Die Geschichte der deutschen Buchkritik hat gerade erst zu geschehen begonnen. Selbst in der alten Frankfurter, der Voss, dem Berliner Tageblatt gab es nicht einen Schriftsteller, der sich mit der Kritik von Büchern einen Namen gemacht hätte. Es existierte da kaum etwas zwischen dem großen literarischen Essay und den vielen anonymen Anzeigen, die bisweilen die Unterschrift bekannter Schriftsteller zeigten.

Die florierende Buchkritik dieser Tage ist, abgekürzt gesagt, Romankritik. Das Gedicht, die dramatische Literatur (im Theater nie sie selbst), die nichterzählende Prosa, mit dem grausligen Wort „Sachbuch“ benannt (wieviel ausweichendeleganter ist non-fiction) sind nicht im Zentrum der deutschen Buchkritik.

Ein gutes Beispiel ist Marcel Reich-Ranickis Buch: „Deutsche Literatur in West und Ost.“ Gleich zu Beginn entwirft er ein Programm, das unglaublich klingt: Er habe Grundsätze; „das lebendige Kunstwerk sprengt jedoch alle Dämme der Lehre“. Und, beim Zeus, er läßt sie sprengen. Er ist auf den großen politischen Roman aus – ein Kunstgebilde, das die träge Welt etwas vorwärts drängt – und die Lieblinge dieser Tage, auch die seinen, sind Anti-Ideologen, Skeptiker, Melancholiker, Laboranten, so fern den Menschen wie die Götter Epikurs. Das paßt nicht zu seiner Ästhetik – und er straft sie nicht ab, sondern behandelt sie pfleglich.

Reich-Ranicki massiert sie ein wenig, um ihren breiteren Unglauben in seinem schmaleren Glauben unterzubringen. Und manche geben ihm eine Handhabe, die er dankbar ergreift. So charakterisiert er Andersch als den „Typ des enttäuschten und höchst skeptischen, aber doch nicht resignierenden Rebellen“. Mit diesem „nicht resignierend“ (zum Beispiel: im säuberlichen Schluß der „Roten“) ist Andersch gerade noch gerettet.

Manchmal muß allerdings zur Radikaloperation geschritten werden. Frisch ist ein schwerer Fall. Er meint, manche schrieben, „um die Welt zu verändern“. Andere hingegen, zu denen auch er selber gehöre, würden sagen: „um die Weit zu ertragen, um standzuhalten sich selbst, um an Leben zu bleiben.“ Erstarrt Reich-Ranicki zur Salzsäule? Er ist elastisch und kommentiert, als wäre nichts geschehen: „Wenn man es recht bedenkt, weichen diese Antworten nicht gar soweit voneinander ab.“

Bisweilen läßt er auch einen der Seinen teilweise fallen. Koeppen, den er hochschätzt, müßte „in Romanen Konflikte der Deutschen hier und heute“ behandeln. Und was tut er, der liebe Deserteur? Er schreibt: „Reiseberichte“. Gibt es eine Hierarchie der Literatur-Gattungen? Ist ein Roman, der in Bonn spielt, per se aktueller als eine Schilderung des spanischen Viertels von Los Angeles? Und Ingeborg Bachmann wird „eine Ablehnung, die sich nur aus der Emotion ableitet“, vorgeworfen. Was ist schlecht daran? „Ewig“ und „unverbindlich“ wird bei dieser Gelegenheit gleichgesetzt – eine Gleichung, die bestimmt nicht ewig ist.

Dies sind nur kleine Vorwegnahmen, um zu demonstrieren, wie schwer der Kritiker es mit der von ihm gepriesenen Literatur hat: von Nossack bis Johnson. „Der wackere Provokateur Walser“ ist vielleicht weder wacker noch provozierend, sondern wahrscheinlich einer, dem es Spaß macht, in Millionen kleine Dunkel hineinzuleuchten. Es sollte ihm deshalb nicht vorgeworfen werden, daß „die Ursachen der dargestellten Zustände ausgespart“ werden. Wahrscheinlich kennt er diese Ursachen nicht und kann deshalb nicht mehr tun, als die Folgen darzustellen. „Die Bestandaufnahme von Symptomen ist noch keine Diagnose“, klagt der sehr kenntnisreiche Reich-Ranicki – und hat offenbar gar nicht gemerkt, daß viele seiner lieben Erzähler gerade vor der Diagnose zurückhaltend sind, ein Zeichen ihrer Wahrhaftigkeit.