Wer das Fernsehen der Zone empfangen kann, sollte sich die Sendung Karl Eduard von Schnitzlers „Schwarzer Kanal“: montags um 21.20 Uhr, „Treffpunkt Berlin“: mittwochs um 19.00 Uhr, nicht entgehen lassen. Wie jämmerlich ist die Lage eines Intellektuellen, der eine Diktatur besingen muß, die er doch hassen sollte. Die Sendung ist entlarvend. Die illustrierte Zeitschrift Revue hat verdienstvollerweise (im Heft 2 vom 12. Januar) Schnitzler über Passierscheinfragen interviewt.

Revue: Muß es Tote an der Mauer geben? Warum dürfen Ostberliner nicht nach Westberlin?

Schnitzler: „Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir die Mauer nicht zu bauen brauchen. Es ist unser Kapital, das uns da wegläuft. Unser Staat investiert nicht Zehntausende von Mark in jeden seiner Bürger, damit sie in einer Gefühlsaufwallung alles von sich werfen. Der Deutsche eignet sich nicht zu einer eigenen Entscheidung, ihn muß man zu seinem Glück zwingen.“

Also: Der Mensch als Eigentum – wie dem Bauer sein Vieh, das er ja schließlich auch nicht in einen fremden Stall laufen läßt. Und die Freiheit der Entscheidung? „Der Deutsche eignet sich nicht zu einer eigenen Entscheidung.“ Für ihn müssen Schnitzler, die Sowjets oder sonstwer entscheiden.

Die bundesrepublikanische Presse war empört, vor allem über die Revue, die „so etwas abdruckt, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, Schnitzler zu widersprechen und sich von dieser totalen Selbstenthüllung des ‚Geistes von Pankow‘ zu distanzieren“, so die Welt. „Torheit und Sensationsgier“ schrie Christ und Welt.

Es ist schlecht, wenn eine Zeitung ihre Leser für dümmer hält als sie sind. Dem Bürger einen Tatbestand vorsetzen, ihn nachdenken und selber urteilen lassen? Um Gottes willen: „Der Deutsche eignet sich doch nicht zur eigenen Entscheidung, ihn muß man zu seinem Glück zwingen.“ Wer sagt das nun eigentlich, Schnitzler oder Christ und Welt? G. B.