Zu den Geburtstagkindern des verflossenen Jahres gehörte auch das Sportabzeichen. 50 Jahre wurde es alt. Unser Beitrag von Dr. Baum hatte ein vielfältiges Echo gefunden, obwohl man nach herkömmlichen journalistischen Erfahrungen annehmen sollte, ein solches Thema sei alles andere als aufregend. Zunächst wurde einmal kritisiert, daß man vor einiger Zeit einfach die Anforderungen für die höchste Altersklasse entscheidend herabgesetzt hat, obwohl doch die Leistungen im Sport inzwischen so enorm angestiegen seien. Hier aber gleich der Einwand: Gestiegen sind die Rekorde – das bedeutet keinesfalls, daß damit auch die Leistungen der breiten Masse angestiegen sind, die ja nicht systematisch trainiert. Tatsächlich sind sie nicht angestiegen. Im Gegenteil, durch die fortschreitende Automation sinken diese Leistungen, wie die entsprechenden Ergebnisse der Fitness-Tests zeigen, sogar immer stärker ab. Wir haben also das Phänomen zu verzeichnen, daß eine allerdings breite Elite durch ein immer mehr verbessertes und verschärftes Training ihre Leistungen immer höher schraubt, während die körperliche Leistungsfähigkeit des Durchschnitts der Bevölkerung sogar zurückgeht. Die Ursachen sind nicht zuletzt auch in dem völlig ungenügenden Schulsport zu suchen, denn jene, die freiwillig Sport treiben, sind ja in den Turn- und Sportvereinen erfaßt und ihr Prozentsatz wird sich kaum wesentlich erhöhen lassen. Die Herabsetzung der Leistungsanforderungen für die Älteren beim Deutschen Sportabzeichen ist also sicher berechtigt, um denjenigen, die wenigstens versuchen, eine gewisse körperliche Fitness zu erlangen, einen größeren Anreiz zu geben. Ein gewisses Unrecht ist es aber gegenüber den Trägern des Goldenen Sportabzeichens, die es früher unter wesentlich schwierigeren Bedingungen erwarben, wenn das Abzeichen auch heute noch in gleicher Form in Gold verliehen wird. Man hätte die Abzeichen von einst und jetzt äußerlich unterscheiden sollen. Ein Leser, der die Fünfzig schon überschritten hat und durch tägliches Training auf eigener Sportanlage in seinem großen Garten noch erstaunliche Leistungen zustande bringt, hat nun sogar ein eigenes goldenes Sportabzeichen geschaffen, das nur ganz selten bei bestimmten sehr hoch geschraubten Leistungen verliehen wird. So geht es nun aber nicht! Wenn wir auch dem Individualismus im Sport hier oft das Wort reden, so gibt es doch Grenzen, die dort beginnen, wo Regeln oder Bedingungen festgelegt werden müssen!

Eine andere Überraschung trat nach 50 Jahren auch noch zutage. Unser Autor hatte mitgeteilt, daß Carl Diem, der grand old man des Sports, der nun schon über ein Jahr tot ist, das Sportabzeichen Nr. 1 erworben habe. Da erhielten wir eine Zuschrift von Herrn Walter Auerbach vom Berliner Sportklub, der entsprechende Photokopien beilegte, die seine Behauptung beweisen, daß er das Sportabzeichen Nr. 1 besitze. Dies ließ nun wiederum unseren Mitarbeiter nicht ruhen; er veranlaßte Frau Diem, daß sie im Nachlaß ihres verstorbenen Mannes suchte. Sie fand ebenfalls eine Urkunde, die bestätigt, daß Carl Diem das Sportabzeichen Nr. 1 besaß. Die Photokopie liegt uns ebenfalls vor.

Erst beim 50. Geburtstag des Sportabzeichens hat sich also herausgestellt, daß schon bei der Geburt die Sportbürokratie versagt hat und zwei Bewerbern die Nr. 1 dokumentierte. Wahrscheinlich kam der Irrtum dadurch zustande, daß Carl Diem mit einer deutschen Kommission zum Studium des amerikanischen Sports nach den Vereinigten Staaten reiste und bei der später erfolgten Verleihung an die ersten Turner und Sportler nicht anwesend sein konnte. Er bekam im „Vorwege“, wie das so schön heißt, den von ihm ins Leben gerufenen Sportorden, deshalb ist seine Urkunde auch vier Wochen früher ausgestellt! Da es aber beim sportlichen Leistungsvergleich keine Sonderstellung gibt und die Rangfolge der ersten Erwerber des Sportabzeichens nach dem Alphabet erfolgte, dürfte kein Zweifel bestehen, daß Herr Walter Auerbach, der jetzt in Naarden wohnt, der Besitzer des Sportabzeichens Nr. 1 ist, während Carl Diem „nur“ das Sportabzeichen Nr. 3 besaß, wie es auch im Stadionkalender vom 7. September 1913, dem offiziellen Organ des Reichsausschusses für Olympische Spiele, zu lesen steht. A. M.