Sebastian Haffner, auf politischem Feld ein Fachmann von Rang, präsentierte die Gruppe 47 im Bild; aus skeptischer Laiendistanz wurde sachlich entzaubert; ein aufmerksamer Fremder machte Dufhues’ Thesen zum Gespött. Statt eines Verschwörer-Klubs sah man einen um Partizipien und verba finita debattierenden Autoren-Verband; nicht von Schlüsselpositionen und Macht, sondern von Shakespeare und Kafka war hier die Rede; und was die Einigkeit betrifft, so waren die Ausschnitte derart gewählt, daß der Betrachter neben dem Tenor sachlicher Kritik auch die Zwischentöne, Animositäten, Eifersüchteleien und manche Gereiztheit gewahrte.

Grass zum Beispiel warf den „Berufs“-Kritikern vor, daß sie sich „vorgedrängt“ hätten, und gab damit der Verwirrung des Autodidakten, den Professionals gegenüber, freundlichen Ausdruck; Rühmkorf hingegen beklagte, bescheiden und klug, das mangelnde Wohlwollen und jene Härte, die sich nicht mit Hilfsbereitschaft paart. Die Kritiker freilich schienen ihrer Sache gewisser zu sein; beredter als die blitzendsten Repliken, sprechender als die pointierteste ad-hoc-Imptovisation spiegelte Reich-Ranickis Mienenspiel die Qualität des Gelesenen wider: Münch’scher Schrei und schmerzverzerrte Gebärde, lächelndes Nicken und verzweifeltes Kratzen, ein resigniertes Schließen des Hefts und ein SOS rufendes Taschentuchschwenken der Zuschauer am Bildschirm sah sich über Gelingen und Scheitern der Texte vortrefflich belehrt.

Allerdings gab es vorher auch einmal andere Zeiten: Jahre, in denen man mehr vom Engagement und weniger von der Artistik sprach. Tagungen, die stärker als jetzt im Zeichen derber Autoren-Kritiken standen („Warum schreiben Sie überhaupt?“ – „Wer soll so etwas lesen?“) ... und von diesen Zeiten war in der Sendung leider nicht das Geringste zu sehen. Man hielt sich an Saulgau und an die Redner vom vergangenen Jahr; einen Mann wie Andersch befragte man nicht; kein Wort von Günter Eich und Ilse Aichinger; auch die Protagonisten der Frühzeit, Kolbenhoff und Schnurre, blieben stumm. Die Dichtung statt des Tagesgeschäfts. Liberalität als einziges Prinzip: Es war gewiß nicht immer so, die Gruppe hat sich offensichtlich gewandelt, die Meisterschaft auf literarischem Gebiet wurde mit der politischen Resignation mancher ihrer Gründer erkauft.

Das Bild blieb flach – und hatte doch schon deshalb seinen Reiz, weil sich mit aller Deutlichkeit zeigte, daß die concordia discors dieser über das politische Geschäft der Literatur ganz unbesorgten Gruppe (Ingeborg Bachmann wies auf den Unterschied zu Italien hin) nur der souveränen Güte eines einzigen Mannes zu verdanken ist. Hans Werner Richters Integrität allein ermöglicht es noch immer, daß die Summe aller Monologe dennoch eine Diskussion ergibt, die ihrerseits alle künftigen Monologe verändert.

Ob auch Freundschaft im Spiel ist? Ein wenig sicherlich, hier und dort; zwischen einzelnen, wie das so geht. Sebastian Haffner fragte, ob man bemerkt habe, wie viele der Poeten sich duzten. Am Fernsehschirm war dazu nicht Gelegenheit: Die Autoren sprachen für sich oder redeten einander nicht an. Aber Haffner wird es schon wissen. Walter Jens