Der Ratio-Markt treibt die Einzelhändler auf die Barrikaden

Von Nina Grunenberg

Münster, im Januar Der Taxifahrer stoppte am Stadtrand von Münster, an der Auffahrt zu einem weiten, asphaltierten Hof, um den sich in Hufeisenform flache Lagerhallen reihen. Über dem Plan hing der Geruch von frisch geröstetem Kaffee. Aus einem Lautsprecher rieselte dezente Schlagermusik.

Der Fahrer sah mich scharf an und fragte: „Wollen Sie zum Markt oder zum Großmarkt? Sind Sie Kunde oder Geschäftsfrau?“ – „Kunde“, sagte ich, und er bedauerte: „Schade. Als Geschäftsfrau hätten Sie es noch billiger bekommen. Aber als Kunde kaufen Sie hier auch sehr günstig.“ Er bog rechts ein, fuhr über den Hof und setzte mich vor einer Tür ab mit der Aufschrift „Ratio-Markt“.

Daß sich die Einkaufsfahrt zum Stadtrand lohnt, hat sich nicht nur unter den Hausfrauen von Münster herumgesprochen. Obwohl die Gegend still ist und um den Ratio-Markt zweitausend Parkplätze angelegt wurden, mußten in der Vorweihnachtszeit mitunter Polizisten einspringen, um den Verkehr zu regeln. Denn die Kunden scheuten auch Entfernungen von hundert Kilometern nicht, um hier zwischen zehn und dreißig Prozent billiger einzukaufen als in den Einzelhandels- und Fachgeschäften am Ort.

„Die Ratio-Preise sind extrem niedrig und üben eine ungeahnte Anziehungskraft auf die Bevölkerung aus“, schrieb die Fachzeitschrift Textil-Wirtschaft am 24. Oktober besorgt. „Man schätzt, daß sich die Tagesumsätze des Ratio-Marktes auf durchschnittlich etwa 100 000 Mark belaufen.“ Nicht nur der Einzelhandel, auch die Kaufhäuser Karstadt und Horten schickten ihre Späher zum Preisvergleich an den Stadtrand. Denn immerhin bot der Ratio-Markt Waren an, die sonst nur die Kaufhäuser günstiger als der Einzelhandel verkaufen können: Bücher, Keramik, Lederwaren, Spielwaren, Glas, Haushaltwaren, Textilien, Konfektion, Werkzeug, Waschmaschinen, Öfen, Herde, Autozubehör, Fernsehgeräte Photo, Rundfunk, Elektrogeräte, Uhren, Schmuck, Möbel und Teppiche.

Ein Kilometer Regale