Ein Bankräuber narrt seit zwölf Jahren Hamburgs Polizisten

Von Dietrich Strothmann

Alle Jahre wieder geistert ein Gespenst durch Hamburg, macht die Beamten des Raubdezernats II C 2 im Polizeihochhaus kopfscheu, ängstigt die Angestellten in den Kassenräumen der Banken, liefert Taxifahrern, Marktfrauen, Boulevard-Reportern und selbst hartgesottenen St-Pauli-Kellnern Gesprächsstoff für viele Tage: "Haben Sie schon die Zeitung gelesen? Spitznase war wieder mal unterwegs..."

Und alle Jahre wieder – seit 1952 sagen die ganz Schlauen, die sich an den ersten unaufgeklärten Bankraub erinnern – steht dann in dicken Lettern die Hiobsbotschaft in den Morgenblättern: "Der große Unbekannte schlug wieder zu!" – "Der Mann mit der Maske ist wieder unterwegs!" – "Polizei sucht Phantom-Gangster."

Zwei, drei Tage darauf heißt es dann mit schöner Regelmäßigkeit: "Die erste heiße Spur. Kripo ist ihm auf den Fersen... Vom Täter liegt eine genaue Personenbeschreibung vor... Endlich hat die Polizei begründete Hoffnung, den Einbrecher diesmal zu fangen ...

Noch ein paar Tage später wird dann in lakonischer Kürze gemeldet: "Vom Räuber fehlt jede Spur." Und die Taxifahrer, Marktfrauen und Reeperbahn-Kellner wissen: Er ist ihnen wieder einmal entwischt. Schon zehn Überfälle werden dem unheimlichen Unbekannten zugeschrieben.

"Spitznase" – keiner kennt ihn, auch wenn ihn schon viele gesehen haben, wie er plötzlich im Schalterraum der Bank stand, eine Maske vor dem Gesicht, in der Hand eine Pistole, und die erschreckten Angestellten anherrschte: "Hände hoch! Keine Dummheiten!" Sie beobachteten, starr vor Angst, wie er mit gewandtem Sprung über den Tresen setzte, in Sekundenschnelle das bereitliegende Geld in seine Hosentaschen oder in eine umgehängte Aktenmapoe stopfte, sie anschrie: "Wer mir folgt, den knall’ ich nieder." Und noch ehe sich die verdutzten, wie gelähmt dastehenden Augenzeugen recht besannen, auf den Alarmknopf drückten oder den Telephonhörer in die Hand nahmen und die Überfallnummer 110 wählten, war "Spitznase" längst über alle Berge, untergetaucht als friedfertiger Passant in der Menge auf den belebten Straßen oder in einem S-Bahn-Zug.