Für 6000 Mark in der Eiger-Nordwand – Nach 81 Stunden: "Retour-Direttissima im Bähnli"

Der Morgen dämmerte über dem Jungfraumassiv im Berner Oberland. Sonntag, der 12. Januar 1964. Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich im Eis des Jungfraugipfels. Die Eigernordwand gewann Konturen: Eisfelder, Felsrisse, Kamine, deren Namen die Welt kennt – "Hinterstoisser – Quergang", "zweites Eisfeld", "schwieriger Riß", "Spinne", "Todesbiwak". In der gewaltigen schwarzen Wand, in der bis heute 25 Menschen starben, begann ein neues Spiel.

Im Weiß am Fuße der Wand bewegten sich vier dunkle Punkte. Das Teleskop am Scheidegg-Hotel vergrößerte die Punkte: Menschen, die sich, bis zur Hüfte im Schnee, an den Fels herankämpften. Die Akteure betraten die Arena, um für ein paar tausend Mark ihr Leben zu riskieren: moderne Gladiatoren.

Vier junge Wahlmünchner aus Sachsen, Peter Siegert, Rainer Kauschke, Gerd Uhner und Werner Bittner, sollten die Wand in der Gipfelfallinie, der "Direttissima", bezwingen. Am Himmel hingen Föhnwolken. Jeder Bergsteiger weiß: das bedeutet Wetterumschlag. Die vier wußten, daß sie es niemals schaffen würden. Aber sie kämpften sich weiter durch den Schnee, denn sie hatten sich ihr Publikum bereits bestellt. Einige Dutzend Journalisten auf der kleinen Scheidegg, Millionen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt erwarteten ihren Kampf. Die Bergsteiger hatten einen Vertrag unterschrieben. Sie mußten weiter. 6000 Mark garantierte ihnen der Vertrag, wenn sie auf der Gipfelfallinie in die Wand stiegen.

"Unbeschreiblich stur"

Sie kletterten für "Bild". Im Hotel Bellevue auf der Scheidegg erwartete ihr Partner die Erfüllung des Vertrages. "Bild" hatte ihren Auftritt angekündigt und sollte über ihren Kampf berichten dürfen – für 6000 Mark. Über ein Funksprechgerät erfuhr die "Bild"-Equipe auf der Scheidegg das Neueste aus der Wand. Über ein Bildfunkgerät gingen die noch feuchten Photos vom Eiger nach Hamburg. "Bild" durfte hoffen, mit seiner Eiger-Fortsetzungsstory "Tim Frazer" auszustechen.

Die Akteure versprachen einen dramatischen Kampf. Sie hatten Erfahrung im alpinen Schaugeschäft. Siebzehn Tage hatten drei von ihnen vor einem Jahr in der Nordwand der Großen Zinne geklettert. Das italienische Fernsehen war damals der "Veranstalter". Eine Vertragsklausel bestimmte, daß die Bergsteiger den Gipfel nur bei gutem Kameralicht erreichen durften. Sie waren abends am Ziel, biwakierten bei 30 Grad unter Null eine Nacht direkt unter dem Gipfel, erlitten schwere Erfrierungen und wurden mit ein paar tausend Mark entlohnt.