Von Ralf Dahrendorf

Wenn das Wort von der "pluralistischen Gesellschaft" fällt, denkt mancher nur an eine Gesellschaft, in der es vielerlei Kräfte gibt: Parteien und Verbände und Kirchen und Sportvereine, und zwar jeweils gleich mehrere, also nicht nur die Einheitspartei, die Staatskirche, die Staatsgewerkschaft und den Armeesportverein.

Mit einem solchen Begriff von Pluralismus allerdings ist noch wenig anzufangen. Einen Schritt weiter geht schon die Vorstellung, daß verschiedene Organisationen und Gruppen um politischen Einfluß konkurrieren, also zum Beispiel Bauern, Arbeiter und Angestellte, oder Protestanten und Katholiken, oder Bayern, Hessen und Hamburger.

Noch schärfer wird der Begriff gefaßt, wenn wir feststellen, daß in einer gegebenen Gesellschaft eine dieser Gliederungsformen die Bevölkerung besonders tiefgehend trennt – also etwa die ethnische in einem Land wie Malaysia mit Malayen und Chinesen, die nationale in Zypern mit Griechen und Türken, die regionale in Belgien mit Flamen und Wallonen, die konfessionelle in den Niederlanden mit Katholiken, Reformierten und "Humanisten", oder selbst die politische wie in Österreich mit der Volkspartei und den Sozialisten.

Dies alles sind in bestimmtem Sinne Beispiele für "plurale" oder "pluralistische Gesellschaften". In all diesen Fällen stellt sich also die Frage, wie man mit der Pluralität der politisch wirksamen Kräfte fertig werden soll. Die Beantwortung dieser Frage enthüllt eine merkwürdige Gesetzlichkeit der modernen Welt.

Denn von allen Antworten scheint sich eine in der ganzen Welt wie von Selbst aufzudrängen: die Lösung, der man im Deutschen den wohl aus der österreichischen Erfahrung abgeleiteten Namen "Proporz" gibt.

Zwei Nationen in einer? Selbstverständlich müssen Griechen und Türken überall ihrem Anteil gemäß vertreten sein. – Drei Konfessionen? Selbstverständlich muß jede ihren Anteil an allen Ämtern haben. – Zwei Parteien? Selbstverständlich muß jeder zweite Studienrat "schwarz" oder "rot" sein. – Eine supranationale Behörde? Selbstverständlich muß jedes der sechs beteiligten Länder nach einem bestimmten Schlüssel vertreten sein.