Nichts Anmutigeres in dieser Welt als der Wettkampf der Eistänzer, dessen Bilder die Eurovision am vergangenen Wochenende den Europäern ins Haus brachte. Wo lag an diesen Abenden Grenoble, der Schauplatz der Handlung? In Frankreich? Überall?

Aber gerade weil es so schön war, kommen wir um die Frage nicht herum: Muß denn bei so viel Delikatesse des Eiskunstlaufs die Musik derart häßlich behandelt werden?

Wenn ein junger Mann sich von der „Tell“-Ouvertüre beflügeln läßt, über die spiegelnde Fläche dahinzustürmen, nun, das geht wohl noch an. „So ham’ wir denn die Schweiz befreit, so ham’ wir denn die Schweiz befreit, tatüü, tarattata!“ Doch da war ein junges Mädchen, dem der „Triolenhengst“ Rossini und sein „Teil“ nicht genügte. Nein, diese zarte Schöne nahm sich jenen Mann vor, der dieses humoristische Wort geprägt hatte: Beethoven.

Pastoral-Symphonie ... Die Eisläuferin wollte die Zartheit, die ihr ohnehin eigen war, durch ein besonders zartes musikalisches Thema noch unterstrichen wissen. Und ein Genie des Rhythmus’, wie Beethoven es einmal ist, eignet sich – vom Sport aus gesehen – vorzüglich dazu, Eisläufern den rhythmischen Impuls zu geben. Beethoven pustet wie der Gott der Winde, der in der Antike den Schiffern die Segel füllte, und schon gleitet der Schlittschuh beseelt über die Eis-Arena. Aber ein Sakrileg bleibt es doch.

Da lobe ich mir jene Eisläufer, die in andere populäre Musikkisten greifen. Sie ziehen Melodien hervor, die man nicht weiter beschädigen kann, weil sie ja schon ganz abgenutzt sind: Partien aus Rossini und Verdi und Chopin und Translateur und Bizet, das alles mutig aus dem Zusammenhang gerissen und kräftig durcheinandergerührt. Die Regeln der Kür bestimmen jetzt den Ablauf der musikalischen Vorgänge. Und schließlich stampfen vermummte Schiedsrichter herein und heben Zahlen hoch, in denen nicht nur die sportlichen, sondern auch die ästhetischen Leistungen dieser Musik-Frevler gewertet werden. Sollte jedoch beim Jüngsten Gericht nicht nur moralisch, sondern ebenfalls auch ästhetisch gewertet werden, kämen alle Eiskünstler in die Hölle, samt ihrem Schiedsrichter.

Wenn denn der edle Eiskunstlauf etwelche passende Musik erfordert – wie wäre es, wenn seine Adepten sich an Komponisten wendeten und sie baten, ihnen Originalwerke sozusagen auf den Leib und den Schlittschuh zu schreiben? Sollten unter diesen Umständen dann auch einmal die Anlasse vertauscht werden – bitte sehr: Immer noch besser, ein Stück mit dem Titel „Musik für eine Eisläuferin“ im Konzertsaal zu hören, als erleben zu müssen, wie Beethoven auf Eis gelegt wird.