Die deutschen Reeder haben Nachwuchssorgen. Besondere Kopfschmerzen macht ihnen, daß sich immer weniger Jugendliche zum Decksdienst melden. Der deutsche Reedertag beschloß daher im Dezember vergangenen Jahres, von Beginn 1964 an die Beiträge für die Nachwuchswerbung von acht Pfennig je Bruttoregistertonne auf 10 Pfennig zu erhöhen. Dazu kommen noch 16 Pfennig je BRT für die Berufsausbildung.

Aus Kurzsichtigkeit haben die deutschen Reeder allerdings gleichzeitig eine gute Gelegenheit verspielt, mit überzeugenden Verdienstmöglichkeiten für die Seeschiffahrt zu werben. Mitte 1963 hatten die Arbeitnehmerorganisationen den Heuertarifvertrag zum 30. September 1963 gekündigt. Die Antwort des Verbandes Deutscher Reeder bestand in der Gegenforderung, die Heuern und Bezüge wieder auf die Höhe zu bringen, die vor dem 15. März 1962 gültig war. Auf gut deutsch: Sie sollten um sechs Prozent abgebaut werden. Mit diesem nicht, gerade alltäglichen Winkelzug zögerten die Reeder den Beginn ernsthafter Verhandlungen vom Sommer bis zum November hinaus. Abgeschlossen wurde der neue Heuertarifvertrag am 15. Januar.

Vier Monate tarifloser Zustand waren der Gewinn. Das Anheben der Heuern um fünf Prozent vom 1. Februar 1964 an bedeutet eine Mehrbelastung von 24 Millionen Mark im Jahr. Für die vier tariflosen Monate sind das also acht Millionen Mark;

Als Erläuterung für dieses ungewöhnliche Verfahren nannte Verbandsgeschäftsführer Dr. Schildknecht die schlechte Frachtenlage des Jahfes 1963. Nach den Tabellen des Bundesverkehrsministeri- ums und der Londoner Chamber of Shipping begann aber bereits im Januar der langsame, doch stetige Ratenanstieg in der Trampfahrt und dauerte bis Mai. Nach der Sommerpause im Juni und Juli belebte sich das Geschäft im August von neuem, und bis zum Oktober kam – wie es einmal formuliert wurde – eine Frachtenlawine auf die Trampschiffahrt zu. Die Linienschiffahrt hatte in der Mehrzahl ohnehin ihre ausreichenden und sogar guten Frachten gehabt.

Acht Millionen Mark durch Winkelzüge gesparter Heuern für einen tariflosen Zustand von vier Monaten sind kein schlechter Gewinn. Der Reputation der deutschen Reederschaft ist diese Handlungsweise allerdings wenig dienlich, und mit guter Werbung hat sie sicher nichts zu tun. C. B.