Ich hatte es längst vergessen“, erklärte Frau Stanley aus Owensboro, Kentucky, und wahrscheinlich hätte auch niemand mehr etwas über ihre außergewöhnliche Begabung erfahren, wenn nicht im vergangenen Herbst eine Meldung aus Moskau von allen Zeitungen gebracht worden wäre. In dieser Meldung nämlich hieß es, die 22jährige Rosa Kuleschowa aus Nijni Tagil im Ural könne mit ihren Fingern Farben erkennen.

Diese Nachricht brachte der Psychologie-Professorin Marion Gillim von der Columbia-Universität jenen Fall in Erinnerung, den sie 1939 selbst beobachtet hatte: Ein Lehrerin an der Oberschule in Owensboro rief die Psychologin, um ihr ein achtzehnjähriges Mädchen vorzuführen, das mit verbundenen Augen Farben von Gegenständen erkennen konnte, die sie berührte. Es fiel Dr. Gillim nicht schwer, jene ehemalige Schülerin wieder auffindig zu machen und sie zu überreden, in das psychologische Labor der Columbia-Universität zu kommen, damit dort ihre Fähigkeit näher untersucht werden konnte.

So kam Mrs. Patricia Ainsworth Stanley, inzwischen Hausfrau und Mutter von vier Söhnen, nach New York. Sie wurde mit verbundenen Augen vor einen schwarzen Kasten gesetzt, in dem sich zwei mit schwarzem Samt abgedichtete Öffnungen befanden, durch die sie ihre Arme zu stecken hatte. In der Box war kein Licht. Durch eine kleine Tür an der Rückseite wurden nun drei Karten in den Kasten gelegt; auf einer war ein rotes Quadrat gezeichnet und auf den anderen beiden je ein blaues. Um ganz sicher zu gehen, hatte man die Karten mit einer Plastikfolie überzogen, damit sie sich alle gleich anfühlten. Jetzt wurde Mrs. Stanley aufgefordert, die beiden Karten mit den Quadraten gleicher Farbe herauszusuchen und die Farbe zu nennen.

Fünfmal hintereinander wurde dieses Experiment durchgeführt, und währenddessen erfuhr die Versuchsperson nicht, ob sie die richtigen Karten herausgeangelt hatte oder nicht.

Die Chance, per Zufall auf das richtige Kartenpaar zu tippen, ist 1:3; fünfmal würde man es rein zufällig nur in einem von 243 Fällen schaffen. Frau Stanley irrte sich nicht ein einzigesmal bei diesen und weiteren Experimenten.

„Die Fähigkeit dieser Frau, Farben mit den Fingerspitzen zu ‚sehen‘, ist über jeden Zweifel erhaben“, sagt Dr. Richard P. Youtz, der die Versuche leitete. Um noch die Möglichkeit einer telepathischen Verbindung zwischen ihm und der Versuchsperson auszuschliessen, sorgte Youtz dafür, daß er selbst die Karten, die er in den Kasten legte, nicht zu sehen bekam – ein doppelter Blindversuch im Sinne des Wortes.

„Helle Farben fühlen sich glatter und dünner an, dunkle Farben sind dicker und... schwerer... und rauher..., ich weiß nicht, wie ich das erklären soll“, gab Mrs. Stanley zu Protokoll, und es war ihr völlig unmöglich, den von ihr mit absoluter Sicherheit erfühlten Unterschied zwischen zwei hellen oder zwei dunklen Farben plausibel zu machen. Nur blasses Gelb und Weiß verwechselt sie manchmal: „Sie sind beide so leicht“.