Die Deutschen hatten letzte Woche Anlaß, Bismarcks Nachfolger Caprivi dankbar zu sein, der 1890 den Anspruch auf die ostafrikanischen Inseln Sansibar und Pemba aufgab und dafür von England Helgoland eintauschte. Die Nordseeinsel ist heute ein blühendes Paradies der Zoll- und Touristenfreiheit, Sansibar seit acht Tagen „sozialistische Volksrepublik“.

Die erste generalstabsmäßig exakte kommunistische Revolution in Afrika hatte gesiegt. Peking, Kuba und der Ostblock stützen das neue Regime. Vierzehn Rädelsführer des Putsches wurden in Kuba ausgebildet, ihre Anhänger tragen blaue chinesische Schirmmützen.

Die neuen Männer sind im internationalen Kräftespiel nicht einfach einzuordnen, aber allesamt glühende Nationalisten:

  • Rebellenchef John Okello, Kommunist, mit 32 Jahren der jüngste „Feldmarschall“ des Jahrhunderts, stammt aus Uganda, war mit 19 Jahren Traumdeuter bei der Mau-Mau-Bewegung in Kenia, wurde dann Polizist auf Sansibar, besuchte als Gewerkschaftler Kairo und später eine Partisanenschule in Havanna.
  • Präsident Abeid Karume, Führer der Massenpartei ASP, ist Kongolese und wurde von Okello zum Staatsoberhaupt ernannt. Okello und er beanspruchen den gleichen Status. Der gemäßigte Karume befürwortet eine ostafrikanische Föderation (Sansibar, Tanganjika, Kenia, Uganda), die jedoch wegen des Widerstandes des kleinen Ugandas bisher nicht zustande kam.
  • Außenminister Scheich Bahn, Gewerkschaftsboß und Chef der Umma-Partei, zur Hälfte Araber, ist radikaler Sozialist. Er besuchte die Sowjetunion und China, war Korrespondent einer pekingfreundlichen Zeitschrift in Paris und der Agentur „Neues China“.
  • Vizepräsident Abdullah Kassim Hanga, Leiter des linken Flügels der ASP, heiratete als Student der Lumumba-Universität in Moskau die Assistentin eines sowjetischen Professors. Er tritt für ein Einparteiensystem ein.

Mit den USA hat das neue Regime gebrochen. Die Amerikaner mußten sofort ihre Satelliten-Boden-Leitstelle abbauen, die für bemannte Raumflüge benötigt wurde. Vier amerikanische Journalisten und zwei US-Diplomaten wurden einen Tag lang wie Schwerverbrecher eingesperrt. „Newsweek“-Reporter John Nugent berichtet: „Unter meinen Bewachern war ein Soldat mit einer Feuerwehrhaube. Ein hübsches Mädchen in blauer Bluse blockierte die Tür mit einem Bajonett.“ Bevor die Journalisten abgeschoben wurden, führte man sie an frischen Massengräbern vorbei. „Ist es nicht friedlich bei uns?“ fragte einer der Bewacher. Die Zahl der Opfer des blutigen Putsches werden auf 500 bis zu 4000 geschätzt. Tausende von Arabern wurden in Konzentrationslager gesperrt. Inzwischen machte die Regierung der Anarchie ein Ende, entwaffnete die Rebellen Okellos und entlieh sich 150 Polizisten aus Tanganjika.

Kaum waren die Polizisten dort abgesegelt, meuterte ein Bataillon der Tanganjika-Rifles und besetzte die Hauptstadt. Die Soldaten holten ihre britischen Offiziere aus dem Bett, setzten sie – noch im Schlafanzug – in ein Flugzeug und schoben sie ab nach Kenia. Ein schwarzer Leutnant namens Kavana ernannte sich selbst zum Oberbefehlshaber. Erstmals wurde in dem großen Agrarland, früher deutsche Kolonie und nun als afrikanisches „Musterländle“ gerühmt, Blut vergossen. Präsident Nyerere: „Nur ein Zwischenfall.“ Doch dürfte auch Politik im Spiel sein, zumal kurz zuvor Okello von Sansibar herüberkam.